Young Fathers: «Dead»

young fathers 1 high Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Gequetschte Harmonikaakkorde füllen den leeren Raum. Es sind traurige
Akkorde, die im einsetzenden Tribalbeat, den widerhallenden Klagestimmen, den Subbässen und Raps nach und nach untergehen. Der Track schlägt immer neue Haken, bis der Sänger beinahe feierlich den Satz «AK-47 take my brethren straight to heaven» immer und immer wieder wiederholt, während sich der stotternde Beat überschlägt. Vor den Kalaschnikows, die die besungene Brüderschaft direkt in den Himmel schiessen, hilft keine Flucht, es gibt keinen Ausweg, «ohyaiehyayoi». Frieden können die Getriebenen, die den Song «No Way» verantworten, nicht finden. Und wir stehen erst bei Minute drei einer dichten und fordernden Popplatte. «Dead» heisst diese, der Name der Combo: Young Fathers.

So vibrierend die Songs der Young Fathers ausfallen, so ungerade verlief die Geschichte von Graham «G’» Hastings, Kayus Bankole und Alloysious Massaquoi. «Three young men from Edinburgh and Nigeria and Liberia, all at the same time», lautet ihre Kürzestbiografie, wobei sie mit dem «alles gleichzeitig» die Herkunftsangabe gleich wieder auflösen. 

Die drei trafen sich während einer Hip-Hop-Nacht für unter Sechzehnjährige in Edinburg, der schottischen Hauptstadt, die im Gegensatz zu Glasgow kaum über eine Musik- und schon gar nicht über eine Rapszene verfügt. Ein gestohlenes Diktafon wurde für die Vierzehnjährigen zum wertvollsten Besitz: «Wir schrien, brüllten, flüsterten und grunzten. Es war wunderschön», erinnert sich Bankole im Webmagazin «Clash Music» an die Anfangstage, die sie im Kinderzimmer des Beatmachers Graham Hastings verbrachten. Das war vor mittlerweile über zehn Jahren. 

Seither stand die damalige «psychedelic hip-hop boyband» schon einmal kurz vor dem Durchbruch: «Straight Back on It» hiess der lustige Track, der bereits 2008 ihre erste Platte ankündigen sollte.

Doch die Young Fathers fühlten sich von ihrer ersten Plattenfirma schlecht beraten, scherten aus, gingen beinahe unter und kehrten mit den dunkleren und grimmigeren Mixtapes «Tape One» und «Tape Two» zurück. In diesen Aufnahmen und ihren enorm präsenten und explosiven Auftritten erprobten die Young Fathers ihre nach allen Seiten offene Hip-Hop-Spielart, rabiate Raps, direkte Beats, Gospelgesänge, Pop-Refrains und die letzten Clubsounds zu kompakten Songs verbastelt.  

Erschienen sind diese beiden kurzen Tracksammlungen auf dem nach
einer Durststrecke wiedererstarkten Label Anticon. Um die Jahrtausendwende entstanden hier aufregende Rapmutanten und Hybride, die in der kurzlebigen Supergroup cLOUDDEAD kulminierten – und die mit absurden, hochcodierten Sprachbildern und Niemandslandsounds die Dystopie der Gegenwart vorwegnahmen.  

«Dead» knüpft an diese furchtlose Traditionslinie an und stösst in nicht kartografierte Gebiete vor, in der nur wenige Koordinaten der Popgeschichte noch auszumachen sind: der skelettale Hip-Hop von Shabazz Palaces zum Beispiel, der Maximalpop von TV on the Radio oder «There’s a Riot Goin’ On» von Sly and the Family Stone. Denn auf «Dead» ist ein Krieg im Gang. «This is war», singen die drei am explizitesten in der minimalen Ballade «War», doch die Leichen der Migrationsabwehr und der Bürgerkriege sind auch in den anderen zehn Tracks allgegenwärtig: das Husten in angeschwemmten Särgen, die verzweifelten Rufe in Richtung Gott, während der Teufel sein Unwesen treibt, das feierliche Gedenken an die jungen Toten, das selbst im scheinbaren Partytrack «Get Up» zu vernehmen ist.

Bankole, Massaquoi und Hastings teilen sich all diese drastischen
Raps, diese Echostimmen auf die Toten, diese Gospelgesänge der Trauer und des Trosts, die durch diesen gegenwärtigen Weltsoundtrack führen. Ein Soundtrack, der so vieles ist, nur nicht unverbindlich. So gibt es eine mit 35 Minuten kurze, überaus konzentrierte und heftige Platte zu bestaunen, die den lustigen und knalligen «Anything goes»-Schüttelbecher überwindet.

Ganz am Schluss von «Dead», das mit fortlaufender Spieldauer immer reduzierter wird, gruppieren sich die Young Fathers zu einem Trauermarsch. Die anpeitschenden Drums sind erlahmt und schleppen sich auf den Friedhof im Niemandsland. «Ola Hello», singen die drei im Chor  – und ergänzen das Grusswort mit «I’ve arrived». Ein berührendes und trauriges Ankommen.

Young Fathers: «Dead» (Big Dada/Anticon)

Dieser Artikel ist in der WOZ (Nr. 08/2014 vom 20.02.2014) unter dem Titel «Gesänge der Trauer und des Trosts» erschienen.

131211-young-fathers-dead-cover Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

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