Tocotronic: «Das rote Album»

Tocotronic-2015 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Nach «Wie wir leben wollen» veröffentlichen Tocotronic die Platte ohne Namen, aber mit rotem Cover. Kurz und voreilig beschrieben, das «rote Album», Lied für Lied, im zweiten Hördurchgang.

1. Prolog

Wie das Album beginnt, das war schon bekannt, nämlich mit dem «Prolog». «Eines Morgens bist du in der Fremde aufgewacht», ist der erste Satz, den Dirk von Lowtzow in den einigermassen leeren Raum singt, wir sind in der Küstenstadt, in der Schule der Extravaganzen, im Keller, in der Wüste der Langeweile und aus Schwamm gebaut. Und dann auch: «Liebe wird das Ereignis sein». Ein Beginn ohne Erklärungen (und natürlich keine Single, die knallt). Weiter.

2. Ich öffne mich

Ein Himmelschor, eine Wild-Beastige-Math-Synth-Gitarre und, oh, ein hallendes Schlagzeug (was selten schön anzuhören ist). «Ich werde mich nicht mehr der Schwerkraft ergeben»: Dirk singt sich in luftige Höhen, es ist Drama, ist es aber auch gut? «Ich ö-ö-öffne mich für uns»: Zumindest das bleibt hängen.

3. Die Erwachsenen

Die zweite und sehr schöne Single mit der Catchphrase: «Wir sind Babys, sie verstehen uns nicht». Eine neue Hymne zum anstimmen.

4. Rebel Boy

Hier haben wir ihn, den bisherigen Song der Platte, einer, der neben der plüschophilen Liebe auch gleich die Richtungsvektoren des Albums absteckt. Denn «Flucht und Himmelfahrten sind unsere Koordinaten», bevor die «Rebel-Boy»-Band klatscht. Schön.

5. Chaos

Paint it black? Zumindest der Beginn, dann aber die Fahrt über die nächtliche Autobahn, die «Wörter fliegen hoch, eine Litanei» und der Erzähler «knallt sich zu mit bizarrem Glück».

6. Solidarität

Ein mit akustischer Gitarre und Streichern instrumentiertes Wiegenlied für jene, die die Zuneigung vermissen, die von Traumata gejagt werden und vor dem Abriss stehen: «Ihr habt meine Solidarität». Ziemlich bewegend.

7. Spiralen

Die Band kehrt halbwegs zurück, in diesem milden, schön schlappen Song mit dem lockeren «Ba-Bara-Pa-Pa-Pa»-sing-a-long (feat. kargen Trompeten) nach der Zeile «Ich drehe mich in Spiralen, sie kreisen um Dich».

8. Sie irren

Genug in höchsten Höhen, hier gibts sowas wie den obligaten Rockmoment à la «Mein Schloss» oder «Höllenfahrt am Nachmittag», wenn auch synthetisch gefiltert.

9. Haft

Leider nun: ein Song, der gefährlich nahe an der Selbstparodie angelegt ist. «Ich hafte an dir wie Tinte auf Papier, wie ein Sticker auf Papier», singt von Lowtzow in dieser Hymne, die mit Streicherfanfaren ausklingt. Hm.

10. Zucker

Und gleich der zweite, beinahe stadiontaugliche Hit mit einem ausgelassen Refrain, der allerdings nicht viel besser ist als in «Haft»: «Du bist aus Zucker, du bist zart, du schmilzt dahin, du wirst nicht ha-art».

11. Jungfernfahrt

Wir verlassen nun wieder die gezuckerte Erde in diesem Song, der musikalisch ähnliche Pfade geht wie der Titelsong des letzten Albums. «Ein Geheimnis vertraue ich Dir noch an, nimm Dir das, was Du kriegen kannst», und weg ist die Band.

12. Die Nacht

Ein stilles, akustisch instrumentiertes und helles Ende: «Und während ich noch singe, hat sich ein Lied davon gemacht», hört man von Lowtzow singen, dann übernimmt Vogelgezwitscher, Schritte im Gras und wieder die Wandergitarre. «Ich hab ein Date mit Dirk am ersten Frühlingstag», singt der romantische Lustwandler mit heiligem Unernst in diesem Hidden-Track. Betrunken vom Löwenzahnwein, stolpernd durchs Unterholz, geht sichs aus. Bis zum nächsten Hören.

Tocotronic: «s/t (Das rote Album)» (Vertigo/Universal)

Live: 11. Juni, B-Sides, Kriens

Tocotronic-Rot Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

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