Radiohead: «A Moon Shaped Pool»

Bildschirmfoto-2016-05-08-um-19.37.07 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Für Tatort-Abstinente sind Neuerscheinungen am Sonntagabend eigentlich gar keine schlechte Idee. Deshalb hier: die neue Radiohead, Song für Song im ersten Hördurchlauf.

Radiohead ist die einzige Band aus meinen Teenagerjahren, die irgendwie überlebt hat. Natürlich: «OK Computer» kann ich wohl erst in zwanzig Jahren wieder hören – wenn überhaupt –, und bei «Hail to the Thief» verlor ich kurzerhand das Interesse wegen angestrengter und anstrengender Tranigkeit, aber die entspannteren «In Rainbows» und «King of Limbs» versöhnten mich wieder einigermassen mit dieser für mich während einigen Jahren beinahe überlebenswichtigen Band, über die man sich so wunderbar lustig machen kann, das natürlich auch. Und aber auch: Jonny Greenwood bleibt selbstredend super. Jetzt also: «A Moon Shaped Pool», hier der Matchbericht.

1. Burn the Witch

Penderecki-Greenwood-Streicher statt Gitarre ist bereits ein ziemlich schöner Trick dieser ersten Single, die das Album eröffnet. Sowieso ist da die Rockband wiedermal ziemlich komplett verschwunden, auch weil Thom Yorke sehr weich in dieser «low flying panic attack» singt. Der Schluss ist mir zu dramatisch, aber es ist klar: There will be blood, irgendwo.

2. Daydreaming

Nur hier noch nicht, weil es geht durch Falltüren in diesem klaustrophobisierenden Pianostück mit creepy Yorke. «The damage is done», singt er, dann geht alles auf in einem kurzzeitigen Märchenland, in dem die leichten Töne fallen und alles heller scheint. Doch eben: Es switcht, wieder zurück in den Keller, der Sänger wird aufgesogen von einem grunzenden Monster. Aber das war alles bereits bekannt, deshalb weiter.

3. Decks Dark

Eine tuckernde Beat-Box, Klavier, und Yorke. «Ist das der letzte Sound, den wir jemals hören?», singt er, der Bass und ein Engelschor führen in eine darkest hour. Und hei: Eine Gitarre, die angenehm unfett zerrt, und überhaupt tritt die Band hier erstmals richtig auf, eine, die den Sänger lauernd umspielt, und die ihn auffressen könnte, wenn sie denn möchte.

4. Desert Island Disk

Radiohead haben den Mali-Blues (featuring akustischer Gitarre), ein überraschend guter Boden für Thom Yorke, der hier wie bereits auf den Vorgängeralben zu einer unheimlichen Entspanntheit gefunden hat. Hoffentlich bleibt das grosse Wehklagen auch im Weiteren aus.

5. Ful Stop

Das Monster lauert mit einem leise pochenden Beat, ein feierliches Horn nähert sich und ergänzen die ängstigenden Sounds. Quasi eine zurückgenommene «National Anthem», die aber – Stand 1:47 – noch explodieren dürfte. Dann wispert Herr Yorke im tiefen Echoraum, es spitzt sich zu, doch die Explosion bleibt aus, weil die Band in einen leichten, doch sehr traurigen Swing verfällt.

6. Glass Eyes

Wieder eine Piano- mit Streicherballade, so scheint es zu Beginn zumindest. Schon schön, aber mehr Band würde ich mir wünschen.

7. Identikit

Vielleicht hier: Ein einfaches Breakbeat-Schlagzeug, eine kleine Gitarrenfigur, Stimmen am Rand und natürlich im Zentrum, dann der Dreh, «broken hearts make it rain», eher strange Himmelschöre und Synths, und zum Schluss, etwas, das man als Gitarrensolo bezeichnen könnte. Ich weiss nicht recht.

8. The Numbers

Es setzt sich beinahe im Off ein Song zusammen, den Radiohead ganz früher sehr konkret gespielt hätten. Doch es ist 2016, und es bleiben akustische Gitarren und Klavier, und eine eher sorglose Auflösung mit Chor, ehe zu penetrante Streicher den Song eben und leider doch noch dramatischer und dicker als nötig machen – und das elegante Bandspiel beinahe erdrückt. Dann wieder: Verlieren im Off, ein paar Stimmen lachen.

9. Present Tense

Es bleibt aber ein überraschend stilles und beinahe karg instrumentiertes Album (natürlich mit vielen Gimmicks wie den morphenden Yorke-Stimmen, die hier den Hauptyorke sekundieren in diesem schimmrigen und federnden Akustik-Stück). Traumwandelnd und leicht und leicht gespensternd. Schön.

10. Tinker Tailor Soldier Sailor Rich Man Poor Man Beggar Man Thief

Die Produktion scheint mir der Star dieses Albums, denn wie sich vieles anschleicht, die Band eindimmt, und den Hörer unheimlich einlullt, das passiert schon zum wiederholten Male. Leider wieder die so offensichtlichen Streicher – ist Jonny Greenwood doch nicht fehlbar?

11. True Love Waits

Den kenne ich von früher, als mein Fantum sich bereits dem Ende zuneigte und fröhlichere und lautere Bands Einzug hielten und alles von vorne bgann, zum Glück. Kurz, ein Tränendrücker. Aber ohne unheimliche Untertöne gehts auch hier nicht, und das ist auch gut so. «Just don't leave», und dann ist fertig. Von vorne?

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Radiohead: «A Moon Shaped Pool» (XL). Am 17. Juni erscheint das Album dann auch als LP und CD.

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