Protest mit Ölfässern

esso Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Die Esso Trinidad Steel Band aus Trinidad brachte die angeschwemmten Ölfässer zurück in die USA – und gewann mit Van Dyke Parks einen Fan, der mit dem Orchester eine zeitlose Öko-Platte einspielte.

1936: US-Präsident Franklin Delano Roosevelt besucht auf der Durchreise Richtung Südamerika die britische Kolonie Trinidad. In überlieferten in all den Jahren  der ihnen dasnstrumenten umfunktionierten Zivilisationsmüll: e ih och was, das bleibt im Verborgenen. Überlieübüberlieferten Wochenschau-Bildern sieht man den Präsidenten im weissen Anzug, wie er mit einer offenen Limousine durch die Strassen von Port of Spain chauffiert und von Marines und Einheimischen umjubelt wird. Natürlich diktiert FDR auch einige Sentenzen in die Notizblöcke der Journalisten, doch was, das bleibt im Verborgenen. Geblieben von dieser Stippvisite ist in all den Jahren vielmehr ein Report in Form eines Calypso: Der «Star Spangled Banner» leitet den musikalischen Bericht von Attila the Hun  – einem der ersten Calypso-Sängern überhaupt – ein, der diesen «greatest event» im Genre-Klassiker «Roosevelt in Trinidad» in Worte zu fassen versucht.

35 Jahre nach dem Besuch des Calypso-Fans FDR besucht eine grosse Delegation aus Trinidad die USA. Mit im Gepäck haben die 22 Herren zu Musikinstrumenten umfunktionierten Zivilisationsmüll: klingende Ölfässer aus dem Hause Esso, dem Ölkonzern, der auch im Name der Esso Trinidad Steelband fungiert. Im kurzen, als Zeitdokument überaus bemerkenswerten Film zu dieser US-Tour sieht man, wie die Steel-Drums auf dem Busdach festgezurrt sind, wie Reverend Father John Sewell – ein Überbleibsel aus den Zeiten des British Empire – seine Schützlinge unterstützt, wie die Farbe der Ölfässer vor den Auftritten in Uni-Aulas und Festsälen aufgefrischt wird, wie sich die Musiker im winterlichen Midwest der Staaten Schneeballschlachten liefern und wie das Orchester die zweifelhafte Rolle der Exoten tadellos gibt. 

Doch den «Panmen» ging es um mehr als nur perlende Tanzmusik, die gemäss der Legende am Karneval 1945 erfunden wurde. Die Musiker sahen sich als musikalische Botschafter des «Land of the Hummingbird», als Botschafter auch, die nicht nur gefällig vor den Mächtigen spielten, sondern mit ihren umfunktionierten Instrumenten auch protestierten: «America pollutes its environment with oil: little Trinidad makes beautiful music from the drums that you throw away», lässt sich das Bandmitglied Godfrey Clarke im Booklet zur selbstbetitelten Platte zitieren, die Songs wie «Apeman» von den Kinks oder «I Want You Back» von den Jackson Five wie auch Camille Saint-Saëns «Aquarium» ein Steel-Kleid verpasst. 

Ein Steel-Kleid, das dem Produzenten der Platte einige Superlative entlockt: «This ain’t your Jimmy Buffett Banana Republic. It’s Fellini with Bikinis. This is one prime example of Calypso’s power.» Oder: «The Esso Trinidad Steel Band is the GOLDEN AGE of Steel Band». Und: «It makes Kingston and New Orleans seem like a sleep walk.» Der dies schreibt, ist Van Dyke Parks – Hochbegabter, Schauspieler, Pianist, Arrangeur von Klassikern wie dem «Jungle Book»-Hit «Bare Necessities», Experte in psychedelischen Drogen, und Text-Komplize in Brian Wilsons tragischem «Smile»-Abenteuer. Als Solo-Künstler zelebriert Van Dyke Parks auf seinem meisterlichen und teuer produzierten «Song Cycle» das amerikanische Songbook und kreuzte alle Popmusiken des Landes mit seiner Orchestrier- und Arrangierkunst, so, dass natürlich nur die Kritiker jubelten, während das Majorlabel Warner Brothers in einer Verzweiflungsaktion das Album verscherbelte. 

1969, ein Jahr nach dem kommerziellen Misserfolg des «Song Cycle», ereignete sich im Santa Barbara Kanal eine Ölkatastrophe, die Teile der kalifornischen Küste verschmutzte, und Van Dyke Parks’ Bewusstsein für die Umwelt schärfen sollte. Parks erinnerte sich an die Esso Trinidad Steel Band, die er einst in Las Vegas erlebte, damals als Orchester, das degeneriert von der Unterhaltungsindustrie erschien. Und so hatte Parks mit seiner Produktionsarbeit zum Ziel, die Band vor der Trivialisierung zu retten – und gleichzeitig die Ölindustrie anzuprangern. 

Ersteres, ja, das gelang auf glanzvolle Art: Die Platte, damals auf Warner Brothers erschienen, heute mitsamt DVD auf Van Dyke Parks Label Bananastan greifbar, ist ein Triumph des Orchesters, das tanzt und mit den ungreifbaren Tönen immer neue Schattierungen der Arrangements freilegt. Die Anklage, die Blossstellung der Ölindustrie durch diese Öko-Platte, die misslang natürlich grandios – schlicht, weil sie zu obskur geblieben ist. Trinidad und der Calypso liessen Van Dyke Parks in der Folge dennoch nicht los: 1973 veröffentlichte er das panamerikanisch-träumende Album «Discover America», später folgte die Produktion für den Calypso-Monarchen Mighty Sparrow und die Platte «Clang of the Yankee Reaper».  Im grossen Songbook «Discover America» taucht «FDR in Trinidad», dieser Ur-Calypso, wieder auf – als psychedelischer Slow-Jam und als Ode an diese Insel und den Calypso.

Originalartikel aus dem Loop 3/13 (PDF 734,439 KiB)

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