Oneohtrix Point Never: «Garden of Delete»

oneohtrix-point-never Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Auf «Garden of Delete» besucht Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never sein eher vermurkstes Pubertätsdasein in einer nordamerikanischen Kleinstadt am Atlantik. Wie diese Platte klingt? Ein Track-für-Track-Guide (nach zweimaligem Anhören).

1. Intro

Bevor es hier losgeht: das erste Mal hörte ich «Garden of Delete» im vollen Pendler-Zug und es ist gut möglich, dass die Mitfahrenden mich als entrückte Person wahrgenommen haben, schlicht, weil die Musik so grotesk wirkte mit all den kurz aufklickenden Grausamkeiten und Schönheiten. Doch wie «Garden of Delete» – oder eben «GOD» – genau klang, weiss ich nicht mehr. Dies ist ein Versuch, die Worte für die Sounds und Songs zu finden, die Lopatin hier versammelt. Viele Hintergründe finden sich in diesem Feature, doch nun brabbelt und grinst der gemorphte Alien in den Boxen los, grunzt, und lacht höhnisch. Willkommen.

2. Ezra

Hier, gleich zu Beginn, genau designte aufklickende Sounds, die unverkennbar aus dem Computer von Oneohtrix Point Never stammen. Dann schmiert kurzzeitig eine Hardrock-Gitarre, die aus einem Bon-Jovi-Intro stammen könnte, doch die Drums setzen nicht ein. Zurück an den Start nach einer halben Minute, eine Computerstimme stellt Ezra vor (das ist der arme fiktive Teenager, mit dem Lopatin ein Interview aufgezeichnet hat), man wartet auf einen mindestens Hudson-Mohawke-grossen Beat, stattdessen geraten die monumentalen 8-Bit-Pixel in Aufruhr (falls die monumental sein können), bis diese wieder verschwinden. Irgendwo pluckert ein ziemlicher virtuoser Akustikbass, wie auch anderweitige Frickeleien erklingen. Bei aller Absurdität: dieser Ezra ist mir nicht ganz fremd.

3. Eccojamc1

Es geht ohne Pause weiter bzw. es fadet ein warm-zwielichtiges Loop-Zwischenteil ein, das klingt wie ein Sample aus einem dunklen Riders-on-the-Storm-Soulremake. Das könnte ich noch länger hören, doch die Stimme echot aus.

4. Sticky Drama

Klavier und hackbrettähnliche Klänge eröffnen das «Sticky Drama», nach einer halben Minute übernimmt das Synthie-Morphing und eine Pitch-Stimme, ab so 1:40 bin ich froh, dass ich durch die Nine-Inch-Nails-Schule durchgegangen bin (und glücklicherweise längst hinter mich habe), nur dass das hier viel kaputter ist. Der Song sei «technically about the shock of ejaculating for the first time», heissts im oben verlinkten Fader-Feature. Dieser Schock muss bei Lopatin gross gewesen sein. Weiter nun.

5. SDFK

Es grummelt ziemlich beängstigend, denn irgendwas schleicht sich an. Dieses etwas ist das schwerste Hardrock-Drum aller Zeiten, wie ab 1:10 klar wird, das vorbereitet auf das, was jetzt kommt.

6. Mutant Standard

Dieses Etwas ist «Mutant Standard», eine der Singles, wenn man denn von Singles sprechen kann – und mit acht Minuten der längste Track des Albums. «Mutant Standard» ist ein durchzappendes Techno-Monster, das einzelne Sounds aus dem EDM-Höllenspeicher bezieht (gemäss der superb inszenierten Legende hat Lopatin die Sounds auf einem Midi-Stick von Ezra gefunden, vgl. Video). Wieso ich aber hier nicht aussteige bei diesem ästhetischen Grusel? Nun, es scheint hier etwas durch, dass seltsam berührt. Das aber wird dann wohl bei einem weiteren Hördurchgang klarer zu benennen sein.

7. Child of Rage

«Who's afraid of you, Beth?», fragt eine Stimme aus dem VHS-Archiv (bzw. Youtube-Archiv), die aus der Doku «Child of Rage» aus dem Jahr 1990 stammt und zu Beginn über ziemlich schöne Klänge, die hier mit Sounds aus dem VHS-Zeitalter, das ja die Jugend von Lopatin war, angeschmiert werden. Daniel Lopatin nimmt sich hier für einmal gut Zeit, um die sicherlich furchtbare Geschichte des Wutkindes vertont. Der Schlund ist weitgeöffnet, doch zugebissen wird hier nicht. (Den Film werde ich mir aber nicht anschauen, denn der Interview-Beginn allein macht schon genügend Angst.)

8. Animals

Die Stimmung bleibt angstvoll auf diesem traurigen Song – denn ja, das ist ein ziemlich geschlossener Song, der anders instrumentiert auch auf einem herkömmlichen Rockalbum Platz haben könnte. Und so wird allmählich klar, wieso «Garden of Delete» immer wieder als solches bezeichnet wird.

9. I Bite Through It

Eine weitere Single, die von mächtigen Synthie-Arpeggios zu einem Windows-Klavier-Startsound hin und her wechselt, ehe sie zuschlägt. Das «I» versucht sich stimmlich zu behaupten, doch wer oder was ist dieses computergenerierte «Ich» schon? Nicht viel, aber zumindest: Eine wüste Schönheit von einem Track.

10. Freaky Eyes

Schön schaurig beginnt «Freaky Eyes», das – würde man «GOD» auf Vinyl anhören – die letzte Seite des Albums eröffnet. Nach 90 Sekunden arpeggiert eine Kirchenorgel, oder besser: wohl die Simulation einer solchen, bis sie zugepixelt wird, dass einem die Ohren schmerzen. Doch dann folgen – Spoiler alert – die schönsten 10 oder so ähnlichen Sekunden, in denen aus einem fern scheinenden Radio ein scheinbarer Soulsong erklingt, der dann auch rasch wieder verschwindet. (EDIT: Der gesampelte Song ist kein Soulsong, sondern dieser hier.) Zum Schluss stürzt diese Geisterbahn mit Getöse ein, die Perkussion spielt sich aus, und wer einmal hier ist, der wird sicherlich wiederkehren.

11. Lift

Eher unbeeindruckend nach «Freaky Eyes» wirkt dieser ziemlich aufgeräumte Track mit einem näherkommenden Synthzirpen, das zum Vielfrass wird. Ein Track allerdings, der mit einem Richie-Sambora-Gedenk-Gitarrensolo schauert.

12. No Good

Man ist an dieser Stelle schon ziemlich fertig, doch noch steht dieser Song an, einer, der beim ersten Kontakt, damals im Zug, für Staunen sorgte. Denn «No Good» ist eine Computer-Ballade, in der eine verwundete Vocoder-Stimme ins Flackern gerät, die Tiefen sind heavy und monumental, ehe ein Sample von Hans Reichel, das schon zu Beginn des Songs erklingt, übernimmt – und das Album beschliesst. «Garden of Delete» geht nicht nur hier ziemlich ans Lebendige, denn der Informationsoverkill gehört immer noch dazu. Neu ist aber, dass der immerzu beeindruckende, doch immerzu distanzierte Oneohtrix Point Never auch anderweitig berührt und aufwühlt, denn es ist schon so: «Garden of Delete», inszeniert als grotesker Horrorfilm, weckt Erinnerungen an das eigene Aufwachsen in den Neunzigerjahren (feat. Grunge, VHS, Games, Kleinstadt, Teenage-Angst). Bis zum Wiederbesuch.

oneohtrix-point-never-garden-of-delete-artwork-1 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Oneohtrix Point Never: «Garden of Delete» (Warp)

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