66 Jahresplatten (5/6)

blond Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

I got two versions, was die Jahresplatten angeht. Mindestens. Doch diese Liste hier gilt.

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Pye Corner Audio: «Stasis»

Wenn man schon draussen ist im Wald und dem Night Bike und strangere Dinge nicht fürchtet, hört genau hier weiter. Martin Jenkins heisst der Mann hinter Pye Corner Audio und er hat mit diesem Album für das Lieblingslabel Ghost Box eine spukende Synth-Platte eingespielt, zu der auch getanzt werden darf, beispielsweise in Tracks wie «Autonomization». Und am Schluss lockt die Bergsicht. Eine Sci-Fi-Freude.

CoverArtwork Alpine Dub Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Dubokaj: «Alpine Dub»

Heimlifeisse Musik neigt eher dazu, gar nicht wahrgenommen zu werden – oder dann, gleich nach dem ersten Hördurchgang, auf dem Stapel der Vergessenen zu enden. Dubokajs «Alpine Dub» ist ein solches Album, bei dem man die Liebe am lustigen Detail erst nach und nach wahrnimmt. Und wenn man sie denn wahrgenommen hat, so zwirbelt dieser Berglerdub ganz munter weiter, nie ausfällig oder böse, sondern sehr lieb.

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Oliver Coates: «Upstepping»

Er ist Cellist, kennt sich auf den Dancefloors und auf den experimentelleren Seiten des Pop und der Klassik aus. Natürlich erinnert das an Arthur Russell (auf den sich Oliver Coates auch bezieht), doch ein Epigone ist er keineswegs. Auf «Upstepping» zieht Coates zunächst in den Club, sein Instrument schwimmt mit – denn hier ist nichts fett, nicht der Beat, nicht der Bass, nicht die Vocalsamples. «'Upstepping' feels a lot more optimistic and danceable than I had envisioned it, with over-the-top washes of sentimentality, but I let that happen because it just sounds better for it», sagt Coates über das Album, doch anders als andere Produzenten ist hier so vieles offen, und diese Platte ein Möglichkeitsraum, in dem ich micht nach anfänglichen Schwierigkeiten (weil eben alles ungewohnt unfett ist) sehr wohl fühle. Ihm werde ich von nun an überall hin folgen.

Bildschirmfoto-2016-02-06-um-21.30.06 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

The Come N' Go: «Tumbling Heights»

«Tumbling Heights» war wohl ursprünglich eine ungestüme, toll gespielte Rock'n'Roll-Platte, die kein Morgen kennt und also genau so ausgefallen ist, wie es sein sollte. Doch dann händigte die Band die Aufnahmen dem Roy & The Devil's Motorcycle-Bruder Markus Stähli aus, und was dann geschah, ist auf diesem nunmehr kosmischen, übersteuerten, verpeilten und aber immer noch rohen Album nachzuhören. Was für ein Trip.

Bildschirmfoto-2016-08-22-um-21.08.59 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Frank Ocean: «Blonde»

Mittlerweile ist die Releasegeschichte von «Blonde» oder «Blond» beinahe vergessen und so scheint diese getriebene und auch tieftraurige Musik, die Frank Ocean hier anstimmt, umso glorioser. Es sind natürlich erst einmal die Songs wie «Nikes», «Solo» oder «White Ferrari», an denen man hängen bleibt, doch da sind all die kleinen Teile wie die Songskizze «Good Guy» oder das «Kumbaya-Shit»-Outro bei «Nights», die mich über Wochen verfolgten und heimsuchten. Danach beginnt der freie Fall – mit den Dämonen des Frank Ocean als Mitflieger.

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Nadja Zela: «Immaterial World»

Nadja Zela geht ihren Weg weiter – und immer weiter, und singt das utopische Lied für eine immaterielle Welt auf einem Album, auf dem auch die Band ein Star ist. Und in der Ferne, da leuchtet ein tröstendes Licht.

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Teenage Fanclub: «Here»

Am Dienstag, als die Welt draussen einmal mehr schlecht war und das Kind krank, war es wieder einmal Zeit für die Songs des Teenage Fanclub, dieser Band, der es mit einfachen Songs gelingt, ohne falsches Pathos und Spektakel ungemein viel Glück zu verbreiten. Wie in der Herbstplattenkiste stand: «'I'm in Love' heisst das erste überschwängliche Lied der ersten Teenage-Fanclub-Platte seit sechs Jahren. Und natürlich ist sie gleich wieder da, die Verliebtheit in eine Band, die sich in einem Gebiet bewegt, in dem eigentlich schon alle Songs geschrieben scheinen, und die dann aber doch immer zärtliche, herzliche und zeitlose Lieder findet, die nur sie so schreiben, instrumentieren und singen können.'Here' wird mit zunehmender Spieldauer schattiger und nicht untraurig, doch Zeilen wie 'Embrace the here and now for now we're here and now together' (die bei fast jeder anderen Band doof klingen würden) überstrahlen dann doch die Sorgen. Was für ein Freundschaftsalbum.»

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Frankie Cosmos: «Next Thing»

So kurz und genau wie Greta Kline schreibt derzeit fast niemand Songs. Dass diese dann trotz End-Teenager-Desillusion sehr herzlich klingen, macht sie umso schöner. Eine Lieblingsmusik und Lieblingsperson des Jahres.

CS1320665-02A-BIG Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Broadcast: «Haha Sound»

Das schrieb ich dieses Jahr für die Loop-Plattencoverausgabe, denn erst dieses Jahr war mein definitives Broadcast-Jahr, auch aus Formatgründen: «Ein Werk, das ich immer lieben wollte, aber mir bei aller Bewunderung auch immer rätselhaft fremd geblieben ist, ist beispielsweise das Werk von Broadcast. Zwar erstand ich die Alben nach und nach auf CD, doch entschlüsseln konnte ich die Musik von Trish Keenan und James Cargill nie richtig. Dieser lamentable Zustand wurde glücklicherweise jüngst korrigiert – dank den Vinyl-Reissues, die ich dankenswerterweise unter dem letzten Weihnachtsbaum vorfinden durfte. Und plötzlich war alles da: Die verwirrenden Noises, die wunderbaren Melodien, der analoge Zauber, die gespenstische Trauer auch, die über dieser Musik liegt. Das hat natürlich auch mit dem schwarzen Vinyl zu tun, aber vor allem auch mit der Cover-Art, die halt nur im grösseren Format richtig zur Geltung kommt – etwa beim Album 'Haha Sound'. Gestaltet von Ghost-Box-Label-Gründer und Grafiker Julian House, fliegen aus einem Frauenmund seltsame Quaderblöcke auf den Betrachter zu. Was sind das für Laute? Ist es der titelgebende 'Haha Sound'? Je länger ich dieses Cover betrachte, desto verwirrender wird die Angelegenheit. Denn wenn man länger in die Spirale herunterschaut und diese Formen zu entschlüsseln versucht, kann ein leichtes Schwindelgefühl eintreten. Ein Schwindel, der sich auch bei dieser einzigartigen Musik immer wieder und endlich einstellt, die sich mir endlich erschlossen hat. Format matters? Ja, bei Broadcast auf jeden Fall.»

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Deakin: «Sleep Cycle»

Das Album des Animal-Collective-On-Off-Mitglieds Josh Dibb hatte ich schon gar nicht mehr erwartet. Umso schöner ist es aber, dass Dibb hier an die geliebten «Feels»- und «Strawberry Jam»-Jahre anschliesst und er so wunderbar leichte wie beruhigende Songs wie «Golden Chords» und «Good House» – die Klammern des Albums – schreibt. Daneben gibts auch jamseliges, aber «Sleep Cycle» ist dann doch überraschend konzentriert – und immer noch eine schöne Überraschung.

kJakMTr Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Blood Orange: «Freetown Sound»

Dies ist ein Album der Stimmen, die über Black- und Queerness nachdenken, an die verschütteten New Yorker Ballrooms und ihre Herkünfte erinnern und vor allem auch die prekäre Gegenwart nie vergessen. All das bündelt Devonté Hynes, der hier endlich bei sich gelandet ist, auf «Freetown Sound», der Platte, die – das darf einmal pro Jahr geschrieben werden – ein Meisterwerk ist. Und dann darf geliebt, getröstet, getanzt und geweint werden.

Am Freitag erscheinen die letzten Jahresplatten. Hier, alle bisherigen Folgen zum Nachlesen.

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