66 Jahresplatten (4/6)
Auch vermurkste Alben haben hier Platz – weil sonst wäre es ja langweilig: Die vierten Jahresplatten.
Bon Iver: «22, A Million»
Es ist schon ein ziemlicher Murks, wie hier Justin Vernon mit eigens angefertigten Stimmgeräten herumsteuert und rumverzerrt. Weil, eben: Andere wie Ian William Craig konnten das Cracken des Digitalen atemberaubender. Doch wenn man dann mal durch ist durch den Albumbeginn, dann klingt er an, der Gospel dieses Mannes, der keine Angst hat, auf die Schnauze zu fallen (was ja heutzutage viele nicht mehr in Kauf nehmen) und später, am Ende dieser zahlenmystischen Suche nach allem, mit Songs wie «8 (circle)» doch noch bei sich ankommt, dort, wo die Tage keine Zahlen haben. Bleibt nur noch die Frage: Muss denn einer, der Beyoncé wegen einem Pepsi-Deal kritisiert, unbedingt an einem Ort namens Samsung Hall auftreten? Es bleibt also kompliziert.
This Heat: «This Heat»
Wer auf den Zukunftsschock wartete, wurde 2016 allenfalls bei dieser frisch aufgelegten Platte aus dem Jahr 1979 fündig. Weil dies ist noch immer aktuelle Musik, gefertigt mit Drums, Gitarre, Tape-Manipulationen und anderen Sachen, frei und doch konzentriert, wohldurchdacht und doch offen, kurz: eine Musik gegen das Bequeme und auch gegen die Isolation. Danach gings für die Band weiter – auch in Richtung Song, wie auf ihrem dritten und letzten Album «Deceit» nachzuhören ist.
Various Artists: «Disco Mantras»
Diese Platte des kanadischen Kollektivs Mood Hut, über das ich nach wie vor nicht viel weiss, legte ich im Laufe des Jahres immer wieder auf. Weil hier hats reichlich verwaschene Musik drauf, die mit Dub, Afrobeat und Psychedelik
spielt, nicht für den Dancefloor geeignet ist, sondern eher für die Stunden des Sonnenaufgangs oder des Sonnenuntergangs. Oder auch für die Stunden in einer Bar, die mir leider noch nicht begegnet ist.
Don't DJ: «Musique Acephale»
Mein zweiter Neujahresvorsatz ist, öfters als bislang den phänomenalen Oor Records in Zürich zu besuchen. Weil dort höre ich Musik mit offeneren Ohren, und bleibe beispielsweise an Platten wie dieser kleben, die mir immer noch kaum begreiflich ist, aber seither immer weiterdreht.
Jessy Lanza: «Oh No»
Wie ging Pop 2016 fernab der Blockbuster und Song Factories? Genau so – it means I love you (und aber auch der Beweis, das ich über liebste Platten schlecht schreiben kann.)
Vince Staples: «Prima Donna»
So verhärmt wie gleich zu Beginn dieser 21-Minuten kurzen Platte wurden die Kindergospelzeilen «This little light of mine // I'm gonna let it shine» kaum je gesungen. Diese Gesänge aus den Kellern, die «Summertime '06»-Genie Staples nach rasend-desillusionierten Tracks wie «Smile» montiert, sind es denn auch, die dieser EP eine Struktur geben, und damit einmal mehr unterstreichen, dass Vince Staples nicht nur einer der gewichtigen Rapper der Zeit ist, sondern auch einer der grossen Geschichtenmontierer.
James Blake: «The Colour in Anything»
Dieses Album, das in den Tagen des Radiohead-Release-Aufruhrs untergegangen ist, ist eine Ausnahme hier. Weil «The Colour in Anything» funktioniert als durchzuhörende Platte nicht: Dafür ist sie zu unentschlossen aufgebaut, und mit 17 Tracks auch zu lang geraten. Wieso sie dennoch hier aufgeführt ist? Weil in den 76 Minuten so viele grossartige Songs und auch Soundideen untergebracht sind, von «Radio Silence» und «Timeless» über das von Frank Ocean mitgeschriebene «My Willing Heart» bis zu «Modern Soul». Wie man eine Platte aufbaut, könnte er nächstes Mal aber schon bei Freunden wie Vince Staples nachfragen.
DIIV: «Is The Is Are»
Auch dies: Keine makellose Platte (das wäre auch langweilig), sondern vielmehr ein verworrenes Doppelalbum mit vielen grossartig sedierten (und auch frustrierenden) Gitarrenpopsongs, die von der überwundenen Sucht von DIIV-Erfinder Zachary Cole Smith und der Suche nach dem Weg zurück ins Leben erzählen. Nach Triumph klingt das nie, eher nach Schmerz und dem Wissen, noch einmal knapp davon gekommen zu sein.
Devendra Banhart: «Ape in Pink Marble»
Dies ist kein neues Meisterstück wie der Vorgänger «Mala», aber doch eine Platte, auf der Devendra Banhart eine kleine, wohlige Hausmusik erfunden hat, die nur sehr selten ulkig-ausgelatscht ist (wie in «Fancy Man» oder «Fig in Leather»), und lieber eine Wärme ausstrahlt wie im so lieben Auftakt «Middle Names», in dem der nicht mehr so bärtige Sänger eine neue Singing Voice ausprobiert. Kurz und abschliessend: eine «Celebration».
Kyle Dixon & Michael Stein: «Stranger Things»
Angewandte Retromania – dank der Netflix-Serie «Stranger Things», in dem alles als liebevolles Fantum zu erkennen ist und nur deshalb kaum als Plagiat durchgeht. Überraschender ist da schon, dass der Synthie-Soundtrack mit seinem prägnanten Thema auch ohne Bild superb funktioniert. Ideal für den nostalgischen Schauder und die Waldfahrt mit dem Nightbike.