66 Jahresplatten (3/6)

Bildschirmfoto-2016-12-13-um-16.22.54 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Es war nicht alles grimmig in diesem Jahr. Schon gar nicht diese elf Alben. Und: Unbeschwerter wird es hier nicht mehr.

FR006CD CU Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Julius Eastman: «Femenine»

Die Atmosphäre, als dieses Stück Musik 1974 aufgeführt und glücklicherweise aufgenommen wurde, muss eine gelöste und informelle gewesen sein: Man hört zu Beginn noch Leute sprechen, allenfalls auch eintrudeln oder sich noch einen Drink genehmigen (oder sie gönnen sich noch eine Portion Suppe, die der Komponist Julius Eastman eigens gekocht hat), als die Tschingel-Chimes loslegen und bald einmal von einem Vibraphon-Signalton ergänzt werden. Beides bleibt während dem ganzen Stück, in das man reinspazieren kann und auch mal kurz wieder rausgehen darf, ehe man wieder angezogen und festgezurrt wird von diesen feierlichen Klavierakkorden und Streichern, die die Perkussion ergänzen, denn der Schluss, so Eastman, «sounds like the angels opening up heaven ... should we say euphoria?»

Jahrzehntelang war «Femenine» verschollen, so wie viele andere Werke von Julius Eastman – dieser einst grossen Downtown-Persönlichkeit, der als Schwarzer und Schwuler von Komponisten wie John Cage marginalisiert wurde – und nach Jahren der Obdachlosigkeit in einer Klinik verstorben ist. 2016 ist nun das Jahr der Wiederentdeckung, und da sich hier ein liebevoll und genau arbeitendes Label wie Frozen Reeds drum kümmert, könnte er die allzu späte Ehre – ähnlich wie sein Weggefährten Arthur Russell – doch noch erfahren. Should we say euphoria?

a1305802078 10 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Vanishing Twin: «Choose Your Own Adventure»

Eine der schönsten Entdeckungen des Jahres ist dieses Album einer englischen Band, die so vieles zusammenbringt, das mir lieb ist. Das popmusikalische Abenteuertum speist sich hier aus komischen Noises, Broadcast-Retrophilie, süssen Melodien und einer Lust am Fallenstellen. Da fällt man schon mal in Tomaga-ähnliche Perkussionswelten (was nicht überrascht, als ich dann gelesen habe, dass die grossartige Valentina Magaletti auch hier Schlagzeug spielt) oder taucht tief unter die Meeresoberfläche, und braucht das Teleskop, um wieder nach oben zu kommen. Und: Ohne die Plattenläden dieser Welt – in diesem Fall war es der virtuelle Besuch von Monorail Music aus Glasgow – hätte ich diese Musik nicht gefunden. Danke!

mike-rich-ziq-and-aphex-twin-expert-knob-twiddlers Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Mike & Rich: «Expert Knob Twiddlers»

Als das Internet schneller wurde, war Last.fm meine erste Anlaufstation für neue Musik. Und der damals vorzügliche Algorithmus lieferte mir immer wieder Tracks von diesem Album, das die beiden damaligen WG-Freunde Richard James und Mike Paradinas lustig zusammenbastelten. Im Sommer ist «Expert Knob Twiddlers» wieder erschienen, und mir scheint, als haben die Computer nie so lustig geklungen wie auf diesem grossen Spass.

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Manuel Stahlberger: «Kristalltunnel»

Die Haslifüx waren natürlich früher viel besser (damals, als es Youtube noch nicht gab), aber so blöd und billig das nun klingt: Manuel Stahlberger war wohl nie besser als in «Schwierig», in dem der Erzähler auf einer öffentlichen Toilette sitzt – und zwei Personen draussen die Kolumne des WC-Insassen kritisieren, der sich als Ausweg eine Bombe im Lavabo herbeiwünscht. Zudem: Endlich Familienferien in Schweden! Und der «Kristalltunnel»! Der «Crystal Dance» von Bit-Tuner. Und das alles aus einem Kopf.

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Chris Cohen: «As If Apart»

Eigentlich müsste dieses Album mit allen möglichen und unmöglichen Superlativen eingedeckt werden. Denn «As If Apart» ist eine der schönsten, liebsten und zeitlosesten Platte des Jahres, keine Frage. Doch diese Etiketten wären viel zu laut für die 10 Lieder, die der ehemalige Deerhoof-Gitarrist Chris Cohen für sein zweites Album im Alleingang eingespielt hat. Es sind Songs, die von einer linden, anpsychedelisierten Westcoast-Melancholie durchweht sind, Songs, die natürlich nicht in die Zukunft weisen, sondern sanft Abschied nehmen – von lieben Personen, die nun nicht mehr da sind. All das wirkt zunächst fast allzu vertraut, allzu beiläufig, wenn da nicht die eleganten Tricks und Drehs wären, die das scheinbar Schwerelose und auch Glückliche in Richtung Niedergeschlagenheit steuern. Ein Album für immer.

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Cate Le Bon: «Crab Day»

Jeder Tag sollte ein Crab Day sein, denn diese Songs drehen so verrückte Windungen und windschiefe Melodien in den Kopf, dass es eine Freude (auch zum Mitsingen) ist, zumal Cate Le Bon in einer scheinbaren Seelenruhe nicht unexistentielle Zeilen über diese singt. Und das ist nur «wonderful».

hella-personal-film-festival Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Open Mike Eagle & Paul White: «Hella Personal Film Festival»

Paul White war massgeblich an Danny Browns Angstplatte «Atrocity Exhibition» beteiligt, doch gemeinsam mit dem «Art-Rap»-Erfinder Open Mike Eagle hat der Produzent ein locker verklebtes, grossartig unterhaltendes Album mit psychedelischem Soul-Einschlag erfunden. Open Mike Eagle klaubt scheinbare Nonsens-Zeilen wie «You put some shit in my mashed potatoes» zusammen und artikuliert Ängste und Schwächen, während eine Obama-Figur in einer Drohne durch seine Träume fliegt. Das ist lustig – und natürlich doch viel ernster, als es noch im Frühling geklungen hat.

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Hintermass: «The Apple Tree»

Das schrieb ich im Frühling, doch es stimmt noch immer und galt auch im Herbst: «Eigentlich wäre es höchste Zeit, tagträumend in den Wald zu gehen und zu schauen, wie die Natur erblüht, während die Vögel ihre Lieder anstimmen. Nun, die Waldpartie wurde bislang verschoben, und Schuld daran trägt nicht zuletzt 'The Apple Tree', die erste Platte des Duos Hintermass. Hinter diesem Album stecken Jon Brooks, der als The Advisory Circle retrofuturistische Klangcollagen entwirft, und Tim Felton, der auch schon mit Broadcast musiziert hat. Gemeinsam spielten sie ein Album ein, das alles für den kosmisch gestimmten Kraut-Waldschamanen – Sitar, Vogelgezwitscher, Flöten – bereithält. Vor allem aber sind auf 'The Apple Tree' schlicht wunderbare Popsongs zu hören, die von der einladenden Stimme Feltons getragen werden. Bei allem anpsychedelisiertem Wohlklang gehts dann auch ins elektronische, unwägbarere Unterholz, doch dieser schöne Noise made by people bleibt vertraut und doch verlockend. Kurz, eine sehr liebe Platte.»

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Mary Lattimore: «At the Dam»

Innehalten ist eigentlich ganz leicht, weil es gibt ja berückende Platten wie diese Schönheit hier der Harfenistin Mary Lattimore, die übrigens auch bei Steve Gunn mitspielt. Hat hier jemand was von Beschleunigung gesagt?

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Pamplona Grup: «hoi.»

Was sind das nur für Schlawiner, die ihre Stücke «Fährt ein wilder Wurm daher» nennen und sich als «quasi eine basisdemokratische Sowjetunion in Tönen» beschreiben? Nun, es sind acht Musiker – soviel ist gesichert – die gerne an ungewohnten Orten zum Tanz aufspielen und mit «hoi.» ein Debüt mit hierarchieloser und munter zwirbelnder Musik veröffentlichten. Eine Musik, die zum Abenteuer aufruft und als Einladung an die Neugierde zu verstehen ist. «hoi.» gibts übrigens auch als 53-minütigen Videoclip – und auch dieser Dorfbesuch ist: eine Freude.

animal-collective-painting-with-754 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Animal Collective: «Painting With»

Für einige die Scheissplatte des Jahres, für mich eine glückliche Platte der ewigen Kinder und Väter für ewige Kinder, tatsächliche Kinder und Väter. Und: Ewige Erinnerungen an die Nächte in den Den Haag und Stans.

Mehr Jahresplatten? Hier sind sie: Teil 1 & Teil 2. Bis zum vierten Teil, der am Dienstag erscheint, gibts noch neue Platten und Konzerte – und zwar am Sonntag im Popletter. Hier gehts zum Abo, vielen Dank!


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