66 Jahresplatten (2/6)

Bildschirmfoto-2016-12-13-um-09.56.00 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Vom Antiheldentod bedroht sind diese elf Alben ganz und gar nicht. Deshalb hier: der zweite Teil der Jahresplatten.

Bildschirmfoto-2016-12-12-um-16.35.08 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Meril Wubslin: «Sinon»

Diese Platte schrummt los, und man weiss bis zum Einsetzen des Chors bis ca. 1 Minute 40 nicht, was einen da erwartet: eine lustige Bricolage-Schrammel-Musik, oder dann eben dann doch etwas doomigeres? Nun, Toboggan-Sängerin Valérie Niederoest und Velma-Mitglied Christian Garcia entscheiden sich eher für letzteres, fahren die Bläser auf und lassen das mit einem Stalker-Synth ausklingen, alles in acht Minuten. Danach: solitärer Folk, Drones und monumentales Schrummen und wieder zurück. Ziemlich heavy, und faszinierend.

A1 2BJ5LslkwL. SL1500 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Nisennenmondai: «N/A»

Als diese drei Japanerinnen vor sieben Jahren ihr Album «Destination Tokyo» veröffentlichten, dachte ich: viel radikaler und minimaler kann es nicht mehr werden. Doch eben: Nisennenmondai streiften alsbald das Post-Punkige ab, minimalisierten weiter in Richtung Düsseldorf und sind nun bei «#N/A» angekommen, auf dem sie mit Adrian Sherwood zusammen arbeiteten. So gehts dann von noisy Minimal Techno zum Dub (wie in #4) in fünf alles auflösenden Tracks. Wie gehts weiter?

a1723168332 10 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

J&L Defer: «No Map»

Ihre Band Disco Doom geht ihnen wohl zu wenig weit. Und so nehmen sich Anita Rufer und Gabriele De Mario mit ihrem Spin-off-Projekt J&L Defer gänzlich von der Landkarte. «No Map» heisst ihre erste Platte, auf dem sich verpeilte Gitarrenklänge zu halluzinogen wirkenden Stücken verbinden. Der solitäre Horror ist nie weit entfernt auf diesem driftenden Album. Doch die Reise durch dieses Niemandsland: sie lohnt sich sehr, immer wieder.

humanperformance Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Parquet Courts: «Human Performance»

Das, was in der Halbjahresliste stand, gilt auch jetzt noch: «Der Staub kommt von überall her, und über diese Tatsache, die das lässliche Haushalten erschwert, darf man schon mal einen Rocksong schreiben, zumal dann, wenn mit Andrew Savage einer der derzeit lustigsten Erzähler für die Worte zuständig ist. Dazu lässige Gitarren, schöne Velvet-Underground-Niederschläge ('One Man No City'!), auch überraschend zärtliche Klänge – verpackt alles im wahrscheinlich liebevollsten Plattencover mitsamt -booklet. Jetzt aber weiter, weil:
'Dust is everywhere, sweep'.» So gut.

AtrocityExhibition Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Danny Brown: «Atrocity Exhibition»

I don't like shit, I don't go outside, denn Danny Brown sitzt zu Beginn dieser Geisterbahnfahrt durch Detroits rasende Ruinen schwitzend zuhaus, rappt wie ein böser Joker, während die Soundscapes dräuen und die Abwärtsspirale dreht – durch Tracks wie dem Klassentreffen «Really Doe» und durch drogenversehrte, hyperaggressive Partyzonen. Doch auch das: Stille Momente wie beispielsweise in «From the Ground», grossartige Sounds und ein Sample dieses unglaublichen Tracks. Hier gehts um fast alles, weil: «And I'm a give em hell for it // Until it's heaven on earth».

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Fog: «For Good»

Wieso so viele Alben, wo doch das Album totgesagt wurde? Nun, auch wegen «For Good». Weil wer das erste Fog-Album seit etlichen Jahren auflegt, bleibt dran, horcht der titelgebenden Piano-Ballade gleich zu Beginn, wird weitergeschleudert durch zerrissene und labyrinthische Songs, die immer wieder Schönheit suchen, doch nie ihren Frieden finden – bis Andrew Broder (denn das ist ja eigentlich seine Soloplatte) das Schluss-Lullaby «Father Popcorn» anstimmt. Das ist nichts für die zerstückelte Playlist, sondern ein Album, das viel mehr ist als «nur» die einzelnen Songs.

a1895047974 10 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Ian William Craig: «Centres»

Analoge Störsender und weitere Noises in Songs einbauen, bis sie beinahe zusammenbrechen, konnte in diesem Jahr keiner schöner als der Geistermusiker aus Kanada, der wegen Labelkollegen und seiner klassischen Ausbildung im «post-classical»-Feld gelandet ist. Dabei ist «Centres» vor allem eines: Ein Song- und Ambientalbum, dessen berückende Melodien nicht selten unter analogen Tapenoiseschichten liegen (wie im bereits mehrfach erwähnten «A Single Hope»). Ganz am Schluss sind dann nur die chorknabenhafte Stimme und eine einfache Gitarre übrig, und eine andächtige Stille, die dieses archaisch anmutende Album aus dem Jenseits in den Hörraum schickt. Beinahe heilig.

218108 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Various Artists: «DJ Koze Presents Pampa Vol. 1»

Auch hier kann zurückgegriffen werden auf den Halbjahresbeitrag, weil: «Die MusikerInnen des Hamburger Labels Pampa Records haben die wohl liebsten Computer dieser Welt, denn so zärtlich und persönlich und auch lustig klingt elektronische Musik für den Dancefloor selten. Das liegt natürlich an Labelmitinhaber DJ Koze, der diese Werkschau zusammengestellt hat und funktioniert auch daheim grossartig, zumal dann, wenn Ada ihr 'You and Me' anstimmt. Als Klammer dieser sorgfältigen Compilation dient Roman Flügels '9 Years', das als Kosi-Remix und im Original zu hören ist.»

412 900 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Grumbling Fur: «Furfour»

In «these heavy days» ist ein Popalbum, das zunächst an der Oberfläche glänzt, dann aber bei genauerem Hören eben doch weirder ist als ganz vieles anderes, besonders willkommen. Oder, wie es im «Quietus» heisst: «They have emerged from the contemporary weirdo underground to embody their own brand of Weird or Occult Pop, a title made all the more superfluous by the fact they are arguably its sole current proponents. Theirs is not a sugared pill, but a strange, inviting pill that you can’t help but take – a rare thing in the world of pop music.» Überdies: Ein Album, das fast immer passt.

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A Tribe Called Quest: «We Got It from Here … Thank You 4 Your Service»

Wo beginnen bei diesem unwahrscheinlichen Album? Bei Q-Tips-Satz zur Zeit «It’s time to go left and not right», den er gleich zu Beginn des «Space Program» rappt? Bei all den berührenden Würdigungen ihres Freundes Phife Dawg, der im Frühling verstorben ist – und hier noch einmal zu hören ist? Bei der Stabübergabe an «Dis Generation», und die «gatekeepers of flow»? Oder doch bei der Hymne «We the People»...? Eigentlich ist egal, wo – weil dieses Album ist so vieles, vor allem aber ein Aufruf dazu, etwas zu unternehmen. «To make something happen, let’s make something happen». Und zwar zusammen.

Bildschirmfoto-2016-12-13-um-09.55.13 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

JaKönigJa: «Emanzipation im Wald»

Woher kommt dieses Album, und was ist das eigentlich? Ich weiss es noch immer nicht, aber es spielt auch keine Rolle. Denn die Geschichten, die Ebba Durstewitz auf «Emanzipation im Wald» erzählt, nehmen auch dank ihrer literarischen Verrätselung seltsam ein. Und die Kammermusikarrangements wie in der vom «Antiheldentod» bedrohten Polarexpedition, die sind schlicht wunderbar. Ansonsten: All die Zuschreibungen, die müssen hier vergessen werden. File under: JaKönigJa – und «die Zukunft gehört dem Pferd».

Am Freitag folgt der dritte Teil – bis dahin gibts hier die ersten elf Alben.

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