66 Jahresplatten (1/6)
Was war das für ein Plattenjahr? Ich weiss es noch nicht genau, wie auch diese allenfalls überbordende Selektion hier illustriert. Deshalb gehts einfach los, mit elf Alben, an die ich mich gerne erinnern werde.
Botany: «Deepak Verbera»
Gleich zu Beginn: Eine Reise in den Kosmos, die natürlich nicht unesoterisch ist, denn die Sounds, die Spencer Stephenson auf diesem einnehmenden Album der Samples zu hören sind, sollen dem obskuren Howard Campos und seinem «Higher Yearning Institute» Tribut zollen, der seinerzeit eine strange Naturmusik gebastelt hat. Wie die klang, ist leider nicht bekannt, da die Tapes bei einem Brand zerstört wurden. Auf «Deepak Verbera» ist vieles befreit: die Form, die Sounds, die sich hier zu einer kosmischen Soundcollage zusammensetzen. Call it Spiritual Jazz?
Cavern of Anti-Matter: «Void Beats / Invocation Trex»
Stereolab sind auf Eis gelegt, doch Tim Gane macht weiter, nun mit diesem Trio, in dem die motorischen Beats den ekstatisch-statischen Puls angeben. Die strenge Form wird hier selten verlassen, die sorgfältig gearbeiteten Analog-Klänge schillern und wandern durch den Raum und durch die Repetition kann jegliches Zeitgefühl verloren gehen. Natürlich: Das ist auch Gerätenerdentum, aber schon beim sensationell-explodierenden Feeling-Motorik-Opener «Tardis Cymbals» spielt das keine Rolle mehr. Später dann auch: Das lockere und albumöffnende «Liquid Gate». Jetzt fehlt nur noch ein Konzertdatum.
Kate Tempest: «Let Them Eat Chaos»
Nun aber fertig mit der kosmischen Gegenwartsflucht, weil es ist 4 Uhr 18 in London, und sieben Menschen finden keinen Schlaf. Zukunftssorgen, Depressionen und die Wohnungsnot quälen sie, während einer zu dieser gottvergessenen Zeit noch nach Hause torkelt. Was diese Personen namens Pete, Gemma oder Esther neben der Schlaflosigkeit eint, ist der Blick gegen den Himmel. Und sie wissen: Da zieht ein Sturm auf. Diese Erzählungen bündelt Kate Tempelst zu einer grossen Erzählung der Nacht, die man sich ganz oder gar nicht geben sollte und in der die Welt verloren scheint, die Hoffnung aber noch nicht. «Love more», ist die simple Moral – die hier zu Tränen rührt. Und dann entlädt sich der Himmel über der Grossstadt.
Mica Levi & Oliver Coates: «Remain Calm»
Neben all ihren Grossprojekten (Radiohead, «Jackie»-Filmscore und anderweitige Musiken) fanden Mica Levi und der Cellist Oliver Coates Zeit für den direkten Ideenaustausch, der auf diesem Album zumindest skizzenhaft dokumentiert ist. Und gleich, wie sich die zwei auch im richtigen Leben zwischen Club und klassischem Konzertsaal meisterhaft hin und her bewegen, sind denn auch diese kurzen Soundclips in einem seltsamen Zwischenraum anzusiedeln. Was ist das eigentlich, das hier under the skin schleicht? Und was ist das für eine vierzigsekündige Schönheit, die Coates und Levi mit «Schoolhouse» betitelten? Jedenfalls: Auf dass diese beiden weiter forschen.
Steve Gunn: «Eyes on the Lines»
Der Roadtrip fiel auch dieses Jahr aus (weil ich gar nicht Autofahren kann), aber glücklicherweise gab es dieses Album hier, mit Gitarrenmusik, die hier so frisch und fantastisch gespielt wird (allein das Schlagzeug), dass das alles grossartig passt. Und anders als die ausfransenden Alben seines ehemaligen Weggefährten Kurt Vile stimmt hier auch die Länge und die Songanzahl. Weil mehr als neun Songs brauchts nicht für eine so schöne Platte.
Bonnie «Prince» Billy: «Pond Scum»
Näher als auf dieser Compilation aus Peel-Sessions kommt man dem rollenspielenden Liederfürsten Will Oldham selten (natürlich schon gar nicht auf der eben falls sehr lohnenswerten Bitchin Bajas-Platte «Epic Jammers and Fortunate Little Ditties» oder seiner Mekons-Tribute-Band Chivalrous Amoekons). Denn wenn er die Zeilen «I know you take pleasure in my singing I know that only when I sing do you hear me // Cuz then I touch things I can‘t touch, I touch parts of you I can‘t really touch» singt, dann darf mindestens geweint werden. Auch auf diesem im Januar erschienenen Album: Eine vorgezogene Gedenkminute an Prince mit «The Cross».
Various Artists: «Soul Sega Sa!»
Dank dieser Bongo-Joe-Records-Compilation lernte ich die Sega-Musik kennen, die auf den Inseln im Indischen Ozean wie Mauritius erfunden wurde. Und seither geht mir der Puls, der gleich zu Beginn in «Sega Manivelle» zu hören ist, und all die Noises und Gitarren, die die Sänger begleiten, nicht mehr aus dem Kopf – wie auch die stilleren Songs wie «Maloya Ton Tisane» berückend sind. Kurz, fantastisch. (Wer weiter will: Strut Records hat ein halbes Jahr vor «Soul Sega Sa!» bereits «Soul Sok Séga» veröffentlicht, wie ich aber erst später gemerkt habe.)
Idris Ackamoor & The Pyramids: «We Be All Africans»
Eines der frischesten und auch berührendsten Alben ist «We Be All Africans» von den Pyramids. Weil es ist so, wie Saxofonist und Leader Idris Ackamoor dem «Wire» sagte: «We are a band of the past playing in the present
and living for the future... and we're all over 60 years old!» Und gemeinsam haben sie ein toll tanzendes und eingängiges Album eingespielt, das an die Solidarität und ans Kollektiv appelliert. «We Be All Africans» sei, so schreibt Ackamoor, eine «message that we are all brothers and sisters. We are all one family, the human family and we need one another in order to survive on this planet that we all share.» Davon erzählt diese grossartige Musik.
Helado Negro: «Private Energy»
Dieses Album klingt so leicht und lieb, doch die Musik von Roberto Carlos Lange ist eben nicht leichtgewichtig, wie Songs wie «It's My Brown Skin» oder «Young, Latin & Proud» so deutlich wie selten zuvor aufzeigen und nach Trumps Wahlsieg auch öfters als zuvor diskutiert wurden. Daneben gibts Roboterliebeslieder, die «somewhere in space» herumfliegen, überhaupt Lieder, die eine tröstende Energie ausstrahlen. Da überrascht es bloss, dass Helado Negro hierzulande noch kaum bekannt ist.
Solange: «A Seat at My Table»
Beyoncé hatte den Blockbuster «Lemonade», ihre jüngere Schwester Solange Knowles dieses Album, das an den privaten Tisch einlädt, wo man zuhören und lernen kann, was es bedeutet, eine Afroamerikanerin im Jahr 2016 zu sein. Und fast alle sind sie da und schrieben und singen mit: Sampha, Dev Hynes, Kwes oder Kelela, und erschaffen ein tief berührendes Gegenwartsalbum der grossen Songs und der Stimmen.
Lambchop: «FLOTUS»
Kurt Wagners manipulierte seine Stimme für dieses Album mit Autotune, das ist bekannt. Auch bekannt sein sollte, dass «Flotus» allerbeste Hausmusik ist, die eine wohlige Wärme in Zeiten der Kälte verbreitet, ehe Lambchop losmotorisieren und «The Hustle» anstimmen. Der Aufruf zu mehr Liebe, zu mehr «We must build a culture of understanding» (auch wenn einiges «fucked» ist), ist auch auf diesem Album wieder da, weil «FLOTUS» heisst ja eben auch: «For Love Often Turns Us Still». Anders gefragt: What's so funny 'bout peace, love and understanding?