Jeans for Jesus: «P R O»

JeansForJesus by Walter Pfeiffer Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Jeans for Jesus haben am Freitag «P R O» veröffentlicht. Aus diesem Feieranlass: Das Song-für-Song-Protokoll (obacht, Spoiler!).

1. «Adelina»

Aufstarten, einmal blinzeln ob den grellen Sounds und der besungenen Sonne, die da vom Morgenhimmel dem Paar ins Gesicht blendet. «Mir wände üs ar Sunnä zu», singt Michael Egger in seiner Kopfstimme, und es ist ein einfacher, entschleunigter Lovesong, bis die Klänge überdrehen, und das Lied nahe an den Kollaps bringen. Und es ist bereits hier zu hören: Aufgeräumt ist es hier ganz und gar nicht.

2. «Stakes»

Es bleibt hell im Ton, während der Sänger von der Mutter an die Weltkugel gespuckt wird, und seine Reise beginnt. Er begegnet dem Allmächtigen («I ha gott gfunge ihm gseit i legä mi nid fescht, yeah»), und stellt dann fest: «Mir hei aus hie scho gseh, sie hei üs gli aues gä, iz simer hie leider so gschid wie vorhär». Und das Steak im Big Tasty gibts überall. Dann übernehmen die «Yolo-Sounds», die auch schon so ähnlich in «Estavayeah» zu hören waren – und eine gewisse Erschöpfung bei den Weltreisenden, wenn lallende Stimmen die Sätze «Verschuudet si bi aune so aus unabhängigkeit, vrbunde si mit aune so aus unverbindlechkeit» bilden. Bereits ein erster grosser Song.

3. «Europe»

Weiterreisen! Mit dem Mustang mit und durch Europa, das französisch geprägt ist – natürlich wegen dem französischen Text, aber auch wegen den French-Pop-Anleihen. «Europe», so ist den Textannotationen im Booklet zu entnehmen, war der Arbeitstitel des Albums. Was hier vor allem bleibt: «Ouvre tes frontières!» Und die Rückkehr des Slapbasses.

4. «Jedi Berüehrig»

Es geht nahtlos weiter, doch von den Welterfahrungen gehts nun wieder zurück ins Private. «D wäut isch grad so gross wi ds schiss kafi hie» – und der Sänger ist hier einigermassen liebeskrank. Aber hei: Man kann ja ein neues Leben bestellen – «schiesses wäg wüud ja eh chasch es nöis bsteuä». Und unter dem kühn getakteten Beat bricht sich der Informationsoverkill Bahn.

5. «Boyz»

«In dem Song bin ich ein Girl. Ich hätte gern den M.I.A.-Song geschrieben. P R O Feminism!» heissts im Booklet unter dem Songtitel, und kühler als in diesem Refrain wurden Machos im Mundartpop kaum je in den Senkel gestellt. Darauf den «obligatorischen Yolo-Instrumentalteil».

6. «Puli»

Hier schnell ein Zwischenhalt: Es sind nun eine Handvoll Popsongs vorbei, die bei allem Detailreichtum und der Soundüberfülle vor allem eines sind: Brillante Popmusik. Nun aber: Der Moment, an dem das Album viel mehr wird als nur eine Song-an-Songaneinanderreihung (die man nach 10 Songs dann doch stoppen würde). Und der geht so: Die optimistische Zeile «Mir wände üs ar Sunnä zu» vom Albumanfang kehrt als niedergeschlagenes Echo zurück, und der Hörer wähnt sich in einem Warp-Level eines Jump-and-Run-Games. Wo und wann man da herausgespuckt wird? Auch der Sänger weiss es nicht genau, und schliesst: «Aui wärde stärbe, i möcht no chli bi dir si». Selbst die Beatmaschinen geraten hier ins Taumeln.

7. «Mi Bot»

Hallo Digitalisierung, hallo Bot, hallo Gott! Und aber auch: Hallo Tanz! Und: «Hei lug mau, wi frei isch mi wiue?»

8. «Is It Better to Burn Out Than to Fade Away?»

Der Karneval schleicht sich an, gleich zu Beginn dieses Meisterstücks, das eigentlich gefeiert gehört, wäre es nicht so traurig: «Fr meh aus mönsch si längt mini chraft nüm» singt hier Demian Jakob, der das «fade away» von Neil Young in «la nis la verblassä» umdichtet. Die Tränen sind echt.

9. «Schulden»

Kurzes Zwischenlevel, Mario sammelt Coins, «säg wiä gross isch dini schuud?» Und weiter.

10. «Pierce the System»

Jeans for Jesus zählen das Supermarktsortiment runter – «houzofepizze tiefgchüut» oder «es wissbrot designt aus zwöi drüegg mit chäs vom nächschte dorf» –, denn all die Konsumträume sind portioniert. Und dann aber auch: James Bond! Endlevel Kasse! Und auch hier: So traurig konnte man schon lange nicht mehr ausgelassen tanzen.

11. «Tell Em»

Beim ersten, zweiten und dritten Mal durchhören ergibt hier alles «huere keh Sinn», wie einer seinem Kollegen eine Begegnung im Zug reportiert («hei los autä hüt am morge im zug, ye»), wo er eine Geschichte feat. Tell und Dänemark aufgeschnappt hat, die am Ende in einer Buchverbrennung gipfelt. Die Catchphrase? «Weisch ds mi am meistä närvt, wiso hei die ds buech vrbrönnt?» So lustig, auch on repeat.

12. «Wosch no chli blibä»

Die Pet-Shop-Boys tanzen wieder, und sie haben Fragen: «Chasch guet aleini si?» «Tuesch du bätä?» Und willst du hier noch bleiben? Ja, weil: «Hie bisch daheim». Ein Hit.

13. «XVII»

«17» von Youth Lagoon ist ein wunderbarer Song über die verlorene Jugend, und auch diese Adaption ins Berndeutsche ist wunderbar: «U iz bini baud euter aus aut».

14. «Stiller»

Was sind Jeans for Jesus eigentlich für eine Band? Eine, die solche Sachen ins Booklet schreiben kann, ohne dass es doof wirkt: «Phil war an einem Gabber-Rave und hat uns das Demo geschickt mit der Bemerkung, es sei ein Sex-Song, Mike hatte Frisch gelesen, Demi musste den Miller hervorkramen.» Und aber auch die Frage, ob man auf Schweizerdeutsch über Sex schreiben kann?

15. «Löwin»

Ein 16-sekündiger Zwischensprung zum...

16. «Les Filles»

... einzigen eher lässlichen Song des Albums. Aber easy.

17. «Dr letscht Popsong (Gäubi Taxis im Sand)»

Die «Song Machine» spricht nun auch Berndeutsch, und hört, wie sie spricht: «Ds outo isch rot, dr himmu isch blau, si cha dylan nüm ghörä u du chaschsä au». «CH-Pop-Lyrik at its best», annotiert die Band, der Bieber-Delfin taucht im Sounddesign auf, bevor geschwelgt wird, wie schön das alles ist. Und natürlich: Das ist mehr als ein gut erzählter Witz, nämlich ein Song, der die hiesige generische Metaphernseligkeit wunderbar hinters Licht führt. Aber auch: Eine falsche Fährte, die sie hier gelegt haben im Vorfeld des Albums.

18. «East ATL»

Zum Schluss: Grüsse aus Atlanta, dort, wo die Band «P R O» zum grossen Teil aufgenommen hat. Und ein letztes Mal «yeah».

Jeans For Jesus PRO Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Jeans for Jesus: «P R O» (Universal), erscheint am 31. März

Bildcredit: Walter Pfeiffer

Mehr zur Band von mir auf den Schweizer Seiten der «Zeit».

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