Sudan Archives

Sudan-Archives-news-1 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Brittany Parks ist Sudan Archives – und reist in ihrer Soulmusik durch Raum und Zeit. Eine Begegnung am Rande des B-Sides-Festival.

Nun ist es an der Zeit, die Flügel auszubreiten, singt sie einmal. Zeit, sich von den Blutsaugern, die sie aussaugen, zu befreien. Weil «sucker, this is my life, don’t mix that up.» Was sich nun liest wie ein lautes Statement für die Selbstermächtigung, versteckt Brittany Parks im geschmeidigen Song «Nont for Sale». Dieser beginnt mit übereinander geschichteten Geigen-Spuren, ehe sie den fingerschnipsenden Beat startet – und nonchalant und ohne Wut in der Stimme zu ihrer Befreiungsrede ansetzt. Und dann mit ihrem Instrument durch Raum und Zeit losfliegt, wie die 23-jährige Afroamerikanerin im Track singt. So, wie das ihr Musikerinnenalias Sudan Archives bereits anzeigt: Hier der Sudan, das Land der Schwarzen, das die Mutter von Parks zu ihrem Rufnamen machte, als sie 16 war. Dort die Geschichte, das Archiv. «Das bedeute doch einfach black history», erklärte ihr einmal ein Freund den Künstlernamen.

Wer die Soulspielart von Sudan Archives hört, spürt diese neuen Verbindungen, die sich zwischen dem afrofuturistischen Space, und dem ähnlich mythischen Black Atlantic öffnen. Das Instrument, das diese sehr weiten Raum-Zeit-Reisen erst ermöglichen, ist die Geige, die sie elektronisch verstärkt, loopt, verfremdet und zuweilen wie eine westafrikanische Laute spielt. «Ich dachte, das sei einfach ein cooles Instrument, als ich es zum ersten Mal in meiner Community gesehen habe», erzählt Sudan Archives am letzten Wochenende vor ihrem ersten Auftritt in der Schweiz am B-Sides-Festival auf dem Sonnenberg in Kriens. Sie begann die Geige zu spielen, als sie 12-jährig war, pröbelte rum, ohne Noten lesen zu können, eignete sich verschiedene Spieltechniken nach und nach an. Für Parks war das Instrument stets auch ein Ort der Zuflucht: «Ich fühlte mich immer als Aussenseiterin, als Alien, das nirgends dazugehört – was auch immer ich unternommen habe».

Sie erweiterte in diesen Momenten der Alltagsfluchten auch ihre Spielmöglichkeiten: Parks, die Musikethnologie studiert hat, fand während ihren Forschungen Fiedelmusik aus Westafrika, die sie in ihr Spiel einbaute, elektrisierte dann ihre Geige, und fand allmählich zu ihrem Soul, der sich noch mitten im Experimentierstadium befindet. Zwei sehr kurze EPs sind bislang auf dem visionären Hip-Hop-Label Stones Throw erschienen, beide aufgenommen zuhause in Los Angeles. Auf ihnen versammelt Sudan Archives Songs, die Folkelemente mit fluiden Rapbeats verbinden, mit elektronischen Sounds auch, so, wie man sie bei Produzenten wie Flying Lotus hören kann. Ihre Stimme bettet Parks in die Sounds ein, verzichtet in der Regel auf Überdeutlichkeit, auf Lautstärke und erinnert so auch an den Neo-Soul einer Erykah Badu, eines ihrer Vorbilder.

Ihre EPs sieht sie aber nicht einfach als Veröffentlichungen, sondern auch als Statements. Welche Message Parks denn mitgeben will? «Bei der ersten EP wollte ich mich vorstellen und sagen: Ich bin abstrakt und eine Fiedlerin.» «Sink», das in diesen Tagen erschienen ist, sei nun politischer. Das führt dann zu einem Track wie dem für sie expliziten «Nont for Sale», auch wenn sie es lieber weniger eindeutig mag. Und auch zu einem Coverfoto, auf dem sie ihre Blackness zelebriert, mit mächtigem Afro und mitsamt Zulu-Schmuck.

Neben diesen beiden EPs stellt Sudan Archives auch immer wieder weitere Stücke online. Bemerkenswert ist etwa die 15-minütige Improvisation «I Can’t Breathe», auf der sie die Polizeigewalt gegen Schwarze thematisiert – mit einem Puls, der allmählich die Kehle zuschnürt und mit gequälten Stimmen endet. Oder ihre Transformation von Kendrick Lamars «King Kunta» in «Queen Kunta», das zu einem kleineren Youtube-Hit wurde. Und über den sie sagt, dass sich der Song ganz einfach in ihren Stil übersetzen liess. Oder ihr instrumentaler Remix von Kanye Wests «Black Skinhead», auf dem milde Sounds dominieren – wäre da nur nicht der brutale Beat aus der Vorlage übriggeblieben. «In meinen Songs soll eben beides mitschwingen: das Milde und das Brutale – weil so ist ja auch das Leben», sagt Brittany Parks.

Dann verabschiedet sie sich, und kehrt auf der Festivalbühne auf dem Sonnenberg in Kriens als schwarze Superheldin zurück, mit ihrem mächtigen Afro, mit ihren neonorangen leuchtenden Hotpants, und einem zusammengebundenen Gewand, dessen weisser Stoff sie durch die Luft wirbeln lässt. Noch hebt sie als Performerin nicht ab. Aber lange wird sie nicht mehr am Boden bleiben.

Dieser Artikel ist in gekürzter Form im «Tages-Anzeiger» vom 20. Juni erschienen.

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