Mount Eerie: «A Crow Looked at Me»

Bildschirmfoto-2017-06-13-um-10.22.23 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Unter dem Alias Mount Eerie veröffentlichte Phil Elverum Musik, in der ähnliche Mysterien wohnten wie in David Lynchs «Twin Peaks». Dann starb seine Frau – und alles wurde anders.

«Twin Peaks» könnte auch in Anacortes spielen. Denn dort, am äussersten nordwestlichen Zipfel der USA – nur unweit vom Drehort in Snoqualmie Valley entfernt – existiert ebenfalls alles, was ein Setting für eine klaustrophobische und mysteriöse TV-Serie benötigt. Es gibt neben dem Kleinstadtleben ewige Wälder, ein mysteriöser Berg namens Mount Eerie, Dampf, der aus den populären Saunen hinausweht, Holzverarbeitungswerke – und die Grenze zu Kanada für allerlei Schmuggelgeschäfte ist auch sehr nah.

Hier, in Anacortes, Washington, lebt Phil Elverum. Seine Urahnen zogen hier einen Gorilla auf, den sie in einen Zoo schicken mussten, nachdem er ihnen das Haus zerstörte, und sie waren gross im Fischereigeschäft tätig, von dem nicht mehr viel übrig geblieben ist. Nur noch die Fähren fahren fort, verlassen den Ort, an dem niemand mehr leben will. Elverum ist einer der wenigen Rückkehrer – nach Jahren in der Bundeshauptstadt Olympia, wo er unter dem Alias The Microphones einige der aufregendsten Alben der jüngeren Indiegeschichte eingespielt hat. Er war zur Jahrtausendwende Aufnahmetechniker bei K Records und genoss freien Zugang zum hauseigenen Studio: «Ich wachte jeweils auf und ging direkt ans Aufnehmen. Dort drin war meine eigene Welt, nur ich, am Herumspielen mit Sound», erinnert er sich in einem Interview an diese Zeit, in der auch sein klassisches Microphones-Album «The Glow, Pt. 2» (2001) entstanden ist, in dem immer wieder Nebelhörner zu hören sind, die auch aus «Twin Peaks» stammen könnten.

Zurück im provinziellen Anacortes, radikalisierte Elverum seine damals bereits insulare Musik, die experimentelle Perkussion, Lo-Fi-Rock und Folkelemente vereint und von seiner dünnen, sanften, doch überaus einnehmenden Stimme zusammengehalten wird. Er gründete sein eigenes Label, benannte sich nach dem mysteriösen Hausberg Mount Eerie, während der Einfluss von Black Metal, Naturelementen, Wikingersagen und Zenmotiven stärker wurde. Unüberhörbar wurden auch die Spuren, die Angelo Badalamentis «Twin Peaks»-Soundtrack bei Elverum hinterliessen. Am Explizitesten geschah dies auf «Wind’s Poem», dem Album aus dem Jahr 2009, das zu den eindrücklichsten Arbeiten im Mount Eerie-Katalog zu zählen ist. Im Song «Between Two Mysteries» baut Elverum ein Sample aus dem Laura Palmer-Thema ein, und singt: «The town rests in the valley beneath twin peaks, buried in space. What goes up here in the night, in that dark, blurry place?» Ja, was passiert? Ein Sänger stirbt mit dem Ausfaden des Songs, doch Elverum bleibt, und sagt: «So here I am».

«So here I am», zurück in Anacortes also, von wo aus er immer wieder Platten in die Welt hinausschickte – darunter auch die Autotune-Explorationen «Pre-Human Ideas» – und wo er mit der kanadischen Comiczeichnerin und Musikerin Geneviève Castré zusammenlebte.

2015 – nur vier Monate nach der Geburt ihrer Tochter – wurde bei Castré Krebs diagnostiziert. Sie starb im vergangenen Sommer. Wie geht nun ein Musiker, der bislang private Befindlichkeiten in seinen Songs soweit wie möglich gemieden hat, mit einer solchen Tragödie um? Phil Elverum wählte den wohl radikalsten und schmerzhaftesten Weg: Er spielte im Zimmer, in dem seine Frau verstorben ist, mit ihren Instrumenten und Aufnahmegeräten Songs ein, die direkt an Geneviève gerichtet sind, in denen er erzählt, wie er ihre Asche verstreut, wie der Pöstler Post bringt, die an sie adressiert ist, wie er den Ort besucht, wo sie ein Haus bauen wollten, wie er Naturausflüge mit der Tochter unternimmt und wie er immer wieder zusammenbricht.

«Why share so much?», fragt er im Text, der die Platte «A Crow Looked at Me» begleitet, «why tell you, stranger, about these personal moments, the devastation and the hanging love?» Seine Antwort: «I make these songs and put them out into the world just to multiply my voice saying that I love her». Als musikalische Blaupause für «A Crow Looked at Me» nennt Elverum «Arise Therefore», ein Album, das Will Oldham noch unter dem Palace Music-Alias eingespielt hat. «I tried to make it simple and pretty», schreibt Elverum.

Entstanden ist eine Platte, in der die Verheerung, die der Tod bei ihm seiner Frau hinterlassen hat, selbst für den entfernten Zuhörer schmerzlich und beinahe körperlich spürbar wird. Anders als bei aktuellen Songzyklen über den Tod wie etwa Sufjan Stevens «Carrie & Lowell» gibts keine Erlösung, keine Filter wie bei Nick Caves «Skeleton Tree», und schon gar keinen Trost, denn: «When real death enters the house, all poetry is dumb». Was bleibt, ist unermessliche Trauer, und die Worte: «I love you.»

a-crow-mount-eerie Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Mount Eerie: «A Crow Looked at Me» (P.W. Elverum & Sun)

Dieser Artikel ist im aktuellen «Twin Peaks»-Loop erschienen. Hier, zum Jahresabo, für schlanke 33 Franken.

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