Frank Ocean: «Blond»

Bildschirmfoto-2016-08-21-um-07.10.29 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Das ist nicht die Form, die dieses Album verdient hat (eigentlich verdient es kein Album), aber es ist nun mal so: Irgendwie muss ich beginnen, «Blond» (oder «Blonde») beizukommen – und sei es nur mit diesen Track-für-Track-Notizen. Immerhin: ein Anfang (und: «I got two versions»).

Prolog: «Endless»

Wir sahen Frank in seiner Werkstatt, und wie er bruchstückhaft nach Songs sucht. Das war am Freitag, und es war ein traumähnlicher Stream, den man gerne auf einer ziellosen Reise hört. «Endless» ist ein unvollkommenes Ding, das mich seltsam berührte. Doch jetzt ist Montagabend, und damit ein Tag nach «Blond» oder «Blonde». Und natürlich: das Album habe ich noch kaum entziffert, aber fortlaufend angehört, deshalb hier: ein erster Versuch, diesem Album irgendwie beizukommen. Jedenfalls fürs erste (ob das Sinn ergibt, einigermassen?).

1. «Nikes»

Der Beat ist warm, und man trippt los, zumal Oceans Stimme computerisiert in die ungreifbare Leere führt. Oder dann eben ins Jenseits, wo ASAP, Pimp C, oder Trayvon («that nigga look just like me») zu finden sind. Der Beat verschwindet, und vieles wird heller, und Franks Stimme erscheint, nun for real und singt «We'll let you guys prophesy». Und man ist drin.

2. «Ivy»

«I thought that I was dreaming when you said you love me», doch es war der «start of nothing», und dementsprechend niederschlagend ist diese Rückschau auf eine frühe Beziehung, die Frank Ocean hier alleine über eine Gitarre – doch mit einer Vielzahl an Stimmen – nacherzählt. Es wird verzerrt und die Stimmschichten überlagern sich, bis irgendwas im Raum zusammenkracht.

3. «Pink + White»

Jetzt aber: Streicher, und lockere Drums, und ein aufgeräumter Sänger, der singt: «That's the way everyday goes». Man fliegt los, durchs Leben. «This is life, life immortality.»

4. «Be Yourself»

Die Drogenwarnung des Albums, von Franks Mutter auf den Anrufbeantworter gesprochen. Weil Marihuana und Alkohol machen dich «sluggish, lazy, stupid and unconcerned».

5. «Solo»

Die «Bad Religion»-Orgeln sind da, und eben der kiffende Bube, der bekennt: «It’s hell on earth and the city’s on fire – inhale, inhale, that’s heaven». Und natürlich: er ist solo, und ganz bei sich. Und es ist fantastisch.

6. «Skyline To»

«This is joy, this is summer», aber man muss schon am Leben bleiben, und so geht Ocean auf einen Roadtrip mit seiner Leidenschaft, den schnellen Sportwagen, obwohl die Sounds eher an eine Unterwasserwelt erinnern, wohl auch, weil man als schon auch verlustig gehen kann in diesem grossen Stück Musik.

7. «Self Control»

Der erste eher lässliche Song (oder das vorher war schlicht too much), bis dann im Outro eine weitere Überwältigung erklingt. «Know you gotta leave, leave, leave // Take down some summer time...»

8. «Good Guy»

Frank auf einem Blind Date – und dementsprechend demomässig und husch husch klingt das. «And to you it's just a late night out...»

9. «Nights»

Auch dies erscheint zunächst als unterwältigender Song, in dem Frank erzählt, wie er sich durch die Nacht hangelt. Wenigstens hilft das Kiffen, weil «that's a cheap vacation». Dann erscheint ein kaputtes Heavy-Gitarrenriff, saugt alles auf, zurück bleibt das einsame Cruisen in der solitären Nacht.

10. «Solo (Reprise)»

André 3000 spricht über ein einsames Klavier. Da hilft dann das Textbuch. Aber es ist klar: die Gemütslage ist keineswegs entspannt.

11. «Pretty Sweet»

Quasi ein Interlude, der auf eine neue Stufe des Albums führt, und mit unklaren Stimmen und zum Schluss ein Kinderchor.

12. «Facebook Story»

Eine weitere niederschlagende Liebesgeschichte, erzählt von Franks Produzent Sebastian, der verlassen wurde, weil er eine Facebook-Freundschaftsanfrage seiner Freundin nicht akzeptieren wollte. Das Real Life ist das Second Life.

13. «Close to You»

Wieder ein Minisong, dieses Mal ein Carpenters-Cover von «Close to You» (oder dann halt eine Anwandlung der Stevie-Wonders-Version). Und ein neuer Tag beginnt.

14. «White Ferrari»

Einen Tag, den man für eine Ausfahrt im weissen Ferrari nutzen könnte, der hier zärtlich besungen wird. Mindestens eine Beziehung klappt also. Und wiedermal ein grosser Song.

15. «Seigfried»

Es wird nun schmerzhaft, weil sich Frank Ocean in diesem Trip hier weiter abkapselt, von allem. Aber mutig ist er nicht, und er taucht ein in einen Streicherstrom, in dem er Elliott Smiths «Fond Farewell» zitiert, weil: «This is not my life» – und schliesslich ins Nirwana. Sobald sich die Sounds lichten, singt er: «I'll do anything for you», zumindest im Dunkeln. Und es ist klar: hier gehts um Sterblich- und Unsterblichkeit, kurz: um das Leben.

16. «Godspeed»

Zurück in der Gesellschaft, oder zumindest zurück in der Kirche, wo es Zeit ist für dieses Gebet. «Wishing you Godspeed, glory».

17. «Futura Free»

Zu Beginn klingt das, als würde jetzt das grosse kitschige Finale bevorstehen, doch Ocean hat wieder einen ungreifbaren Filter über seine Stimme gelegt, und harmonisch ist das hier sowieso nicht. Und am Schluss findet er auch nicht Tupac wie weiland Kendrick Lamar («don't let em find 2Pac»), sondern eher ein Nichts und diese Keyboardfigur, die bei der Drogenwarnung und der «Facebook Story» zu hören war. Danach: ein verzerrtes Interview mit Frank Ocean, das nur selten zu verstehen ist. Was man aber versteht, ist, nun wirklich am Schluss die Frage: «How far is a light year?»

Bildschirmfoto-2016-08-22-um-21.08.59 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

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