Fanbriefe in Songform

Bildschirmfoto-2016-09-06-um-16.36.17 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

In ihren Songs grüssen Musiker immer wieder direkt ihre Vorbilder und Einflussgrössen – die oftmals unerreichbar sind. Genau diesen Fansongs widmet sich der Sampler «Heroes», der zum 40. Geburtstag der Rough Trade Shops erscheint. Fünf Songs aus dem üppigen Sampler, kurz angespielt.

Family Fodder: «Debbie Harry» (1980)

Fansongs sind nicht selten verstiegene Liebesbriefe und Liebeserklärungen an überlebensgrosse Popstars. Und dieser Song, der den «Heroes»-Sampler eröffnet, ist vielleicht eines der offenherzigsten und doch auch hintersinnigsten Beispiele dieses schönen Genres. Denn wie die Sängerin Dominique Levillain der mysteriösen Free-Post-Punk-Kleinfamilie um den Charakter Alig Fodder hier Deborah Harry charmiert und herausfordert – mit französischem Akzent und Sätzen wie «I'm gonna stun you with my transgalactic lasers» – und schliesslich bekennt, dass diese grosse Figur schlicht zu verwirrend ist, ist unwiderstehlich.

Daniel Johnston: «The Beatles» (1983)

Als Daniel Johnston 1961 geboren wurde, da hatten sie bereits einen Hit: Die Beatles, die «legendary rock group», die all den Erfolg verdient hat, weil sie, so Johnston, den Respekt nicht erkauft hat. Jeder wollte so sein wie sie, und auch er, der manisch-depressive Musiker mit den grossen Gefühlen und Illusionen wollte so werden wie die Beatles: «And I really wanted to be like him // But he died». Zu diesen Zeilen, die Johnston auf seinem Kassettenklassiker «Yip / Jump Music» verewigt hat, orgelt er rudimentär, ehe er sich bedankt bei den «four lads who shook the world»:« God bless them for what they done». Was für ein Song.

Le Tigre: «Hot Topic» (1998)

Dieser Song war bereits auf dem lebensverändernden Rough-Trade-Sampler zum 25. Geburtstag drauf, und was 2001 noch frisch und wichtig war, ist es auch heute noch – zumindest im Falle von «Hot Topic». Weil Kathleen Hanna, Johanna Fateman und Sadie Benning grüssen hier Heldinnen und Helden des Feminismus und der LGBT-Community – unter ihnen The Slits, Aretha Franklin, Marlon Riggs, Vaginal Creme Davis oder Yoko Ono. Selten war eine Name-Drop-Aufzählung tanzbarer als hier, eine Liste aber, die nicht einfach cooles Checkertum bedeutet, sondern mit dem Anliegen verbunden ist, sich nicht von diskriminierenden Besserwissern unterkriegen zu lassen – und nie aufzuhören: «Please don’t stop // We won’t stop».

Jeffrey Lewis: «Williamsburg Will Oldham Horror» (2005)

Er ist der Historiker in der klassischen Klasse der Antifolk-Menschen, der Vorbilder und Vorläufer wie The Fugs in der grossartig erzählten «History of Punk on the Lower East Side» direkt grüsste. Peter Stampfel – Mitglied der ebenfalls gegrüssten The Holy Modal Rounders – fiedelt denn auch mit, wenn Jeffrey Lewis im gewohnten Schnellsprech seine imaginierte Begegnung mit Will Oldham runterrattert. Eine Begegnung im L Train, die ihn zwiespältig hinterlässt. Weil ist es wirklich der Liederfürst, der hinabgestiegen ist nach Williamsburg? Jedenfalls fasst sich Lewis ein Herz, und fragt den vermeintlichen Oldham um Rat: «Will Bonnie Prince, Palace or whatever, what do you think about it? Is it worth being an artist or an indie-rock star, or are you better off without it.» Auf diese Lebensfrage folgt keine weise Antwort, sondern ein Kampf, der Lewis verletzt zurück lässt. Drei Worte gibts von Oldham dann doch noch: «Artists are pussies.»

Allo Darlin’: «Wu Tang Clan» (2011)

Auf dem Sampler gibt es – beinahe zum Abschluss (denn der Schluss gehört «I Am Mark E. Smith» der Fat White Family) – auch die Songs zu hören, die die Sehnsüchte nach den popmusikalischen Lebensrettern in eine dritte Person auslagern. Ein solcher Song ist «Wu Tang Clan» der Band The French, der hier in der Version der Londoner Indiepoplieblinge Allo Darlin’ zu hören ist. Der Song erzählt die Geschichte einer namenlosen Frau, die nach Feierabend von ihrem beschissenen Job einfach allein sein – und hinter zugezogenen Vorhängen zu den Tracks des Wu-Tang Clans tanzen will. Weil während sie an RZA, Ghostface Killah, ODB und Co. denkt, glaubt sie: «Everything will be allright».

CS622496-01A-BIG Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Die CD: Rough Trade Shops – Heroes (1976 – 2016) Vol. 1

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