Dirty Projectors: «Dirty Projectors»

Bildschirmfoto-2017-02-20-um-13.28.59 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

David Longstreth ist verlassen und alleine auf seinem neuen Album – und versucht, der privaten Todesspirale zu entkommen. Ein Krisenalbum? Ja, aber nicht nur.

Vor fünf Jahren, da waren die Dinge noch harmonisch: David Longstreth und Amber Coffman sangen auf dem Album «Swing Lo Magellan» ihre bislang schönsten gemeinsamen Lieder und besangen ihre Liebe – mit Zeilen wie «You’re my love and I want you in my life» im Song «Impregnable Question». Jetzt ist alles anders: Glocken, die auch eine Hochzeit einläuten könnten, sind gleich zu Beginn des neuen Dirty-Projectors-Albums zu hören, dann werden sie gehackt und eine gemorphte und bedauernswerte Stimme teilt mit: « I don't know why you abandoned me / You were my soul and my partner».

Der Sänger ist verlassen und trauert in seinem Loch, denn die Dirty Projectors im Jahr 2017: Das ist zunächst ein Elend, das bitter austeilt an die Verflossene, und die Trennung derart zu verarbeiten versucht. Und Longstreth ist wieder ganz allein mit seinem Alias, so wie es einst war, als er Kassetten mit wunderlicher Musik vollspielte, ehe er später sein Vehikel zur grossartigen Band ausbaute und den Popsong in ein Zukunftslabor steckte.

Nach der Trennung von Coffman und einer Depression, die ihm das Schreiben verunmöglichte, legte Longstreth die Dirty Projectors zunächst auf Eis, arbeitete als Produzent für den Tuareg-Gitarristen Bombino und als Songwriter für Kanye West, Rihanna und Solange Knowles. All diese Arbeiten haben Spuren auf «Dirty Projectors» hinterlassen, doch zunächst sind die digital klickenden und zerstückelten Songs mit sich selber beschäftigt, damit sie der privaten «Death Spiral» (so der Titel des zweiten Tracks) endlich entkommen. Erst auf «Up in Hudson» weitet sich der Blick – mit helleren Bläsern, einem modular gebauten, spät lostanzenden Beat, an dem der ehemalige Battles-Musiker Tyondai Braxton mitgearbeitet hat – man wird wieder zurückgeworfen mit der privaten Ballade «Little Bubble», die nun zerplatzt ist, kämpft sich mit wenig erspriesslichen Soundbasteleien ab – bis die Krise überwunden scheint: «Cool Your Heart», das Longstreth gemeinsam mit Dawn Richard singt, ist jener brillante Song, mit dem neue Existenzen begonnen werden können, eine Existenz, die im orgelnden Coda «I See You» gefeiert wird. Danach ist abrupt Schluss – und es scheint, dass Longstreths neues Ja zum Leben und zu einer neuen, allfälligen Liebe noch allzu brüchig ist.

Wie es derweil Amber Coffman geht? Allfällige Antworten finden sich auf ihrem sicherlich bald erscheinenden Soloalbum, das von Longstreth produziert wurde – als es kurzzeitig besser war zwischen den beiden.

Bildschirmfoto-2017-02-08-um-14.50.11 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Dirty Projectors: «Dirty Projectors» (Domino/Irascible)

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