Car Seat Headrest: «Twin Fantasy»

0ee9494eblog cropped-580 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Will Toledo und seine Indie-Rock-Band Car Seat Headrest besuchen ihre eigene postpubertäre Vergangenheit.

Nein, er will nicht wahnsinnig oder schizophren werden. Doch der Kontrollverlust ist bereits da, wenn man die Aufzeichnungen hört, die Will Toledo und seine Band Car Seat Headrest in 13 Minuten durchrasen. Da erzählt und schreit nämlich der liebeskranke Erzähler im Songmonster «Beach Life-in-Death», wie er einen im Bahnhof einfahrenden Zug umarmen will. Wie er nicht mehr weiss, was er nun tun soll, und sich in Absurditäten und Mörderfantasien verliert. Dazu hetzt die Gitarrenmusik, nicht niedergeschlagen, sondern angestachelt von einer manischen Euphorie. So, als gehöre dem vielfach totgeschriebenen Indie-Rock gerade die Gegenwart.

«Beach Life-in-Death» ist das Schlüsselstück auf «Twin Fantasy», dem neuen Album von Car Seat Headrest. Wobei: Man kann nicht wirklich von neu sprechen, denn Will Toledo hat die Songs über eine komplizierte Liebesbeziehung 2011 schon einmal aufgenommen, als er 19-jährig war. Der bleiche Junge aus Leesburg, Virginia, hatte damals bereits im Alleingang fünf Alben eingespielt. Zunächst machte er das im Auto seiner Eltern, das er auf einsamen Parkplätzen parkierte. Die Autositze und die Kopfstützen waren das einzige Publikum für seine Melodien, die ihn auch zu seinem herrlich bescheuerten Künstlernamen inspirierten. Dann veröffentlichte Toledo seine Alben auf der Musikplattform Bandcamp. Es waren Alben mit Lo-Fi-Songs und Songskizzen, die an die goldenen Neunziger des schrummeligen Indie-Rock erinnerten. Skizzen, die einen «nervous young man» zeigen, die dem klassischen Indie-Label Matador auffielen. Und das dieses getriebene Wunderkind mit einem Vertrag ausstattete.

Teil des Vertrags war offenbar auch, dass Toledo «Twin Fantasy» – das von einer kleinen Internet-Community seit der Erstveröffentlichung innig geliebt wird – noch einmal neu aufnehmen darf. Dieses Mal ohne allzu heftiges Rauschen oder sonstige Soundübersteuerungen, sondern so glatt, dass Toledo von einem Popalbum spricht. Was bedeutet: Die Gitarren klingen prächtiger und voller, und die fröhlichen Melodien glänzen heller auf – und die traurigen fallen umso tiefer. Doch Toledo hat das Album aus seiner tumultuösen Vergangenheit nicht nur für die Gegenwart frisch gemacht, sondern er hat da und dort die labyrinthischen Texte aktualisiert und so, wie er sagt, «Twin Fantasy» erst jetzt fertig geschrieben.

Glatt redigiert oder entschärft ist das Album aber nicht. Denn die Irrungen und Wirrungen, die eine grosse Liebe im postpubertären Alter mit sich bringen kann, erzählt der 25-jährige Toledo mit seiner gebrochenen Stimme, als hätte er sie noch immer nicht ganz überwunden. Oder als sei er sich noch immer nicht ganz im Klaren, was er da erlebt oder aufgeschrieben hat. Noch immer sind all die Absurditäten drauf, die das ausufernde «Twin Fantasy» so verwirrend wie lustig machen. Beispielsweise ein Nonsens-Rap oder ein Antirauchersong sowie popmusikalische Querverweise, die ein Fest für Nerds sind. So gehts auf «Twin Fantasy» um Ausschweifungen, Sex, Pop, Liebe und selbst um Jesus im existenziellen «False Prophets». Doch vor allem geht es um die flüchtigen Momente der gemeinsamen Glückseligkeit, die in Hymnen wie «Bodys» kurz aufblitzen. Ehe die Raserei und die Angst vor dem Verlust und dem Zusammenbruch wieder von neuem beginnen.

a0202599159 16 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Car Seat Headrest: «Twin Fantasy» (Matador/MV)

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