Blood Orange: «Freetown Sound»

blood-orange Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Das Album seines Lebens: Mit «Freetown Sound» erschafft Devonté Hynes ein vielstimmiges Pop-Opus zur Zeit. Der nachgereichte Artikel zu einer der Platten des Jahres, der auch in diese Solange-Appreciation-Days prima passt.

«Ich muss weg», sagt der Fünfzehnjährige nur, als er erfährt, dass der Mörder von Michael Brown ungestraft davongekommen ist. Brown war 2014 in der US-Stadt Ferguson vom Polizisten Darren Wilson erschossen worden. Der Teenager eilt auf sein Zimmer, und sein Vater, der Autor Ta-Nehisi Coates, folgt ihm. Doch weder nimmt er ihn in den Arm, noch tröstet er ihn. «Ich habe dir nicht gesagt, dass alles gut wird, weil ich noch nie geglaubt habe, dass alles gut wird.» Der schwarze Körper ist konstant bedroht – nicht nur in den USA. Diese Geschichte des gefährdeten schwarzen Körpers wird im Büchlein «Between the World and Me» – Coates’ Brief an seinen Sohn – eindringlich erzählt. Sie ist nun auch eines der Leitthemen auf «Freetown Sound», dem neuen Album von Devonté Hynes’ aktuellem Soloprojekt Blood Orange. «Sure enough they’re gonna take your body», singt er im zärtlich dahingleitenden «Hands Up». Dann ertönen Stimmen, die wie von der Strasse in ein Schlafzimmer hineinwehen und nur eines fordern: «Don’t shoot!»

Diese Stimmen hat Hynes auf einer New Yorker Demonstration der Black-Lives-Matter-Bewegung aufgenommen, einem der vielen Märsche im vergangenen und laufenden Jahr, die immer dann stattfinden, wenn wieder ein schwarzer Körper Opfer der Polizeigewalt wurde. Körper, die Namen wie Michael Brown, Trayvon Martin, Freddie Gray, Sarah Bland oder Philando Castile tragen. Hynes will sein Album, das kurz nach dem Massaker von Orlando digital erschienen ist, aber nicht als politische Platte verstanden wissen. In einem Interview mit dem US-Musikmagazin «Pitchfork» sagt er, dass dies bloss ein Stempel der «weissen, heterosexuellen Männer» sei. Sein Album sei eines über das Leben, genauer: über sein Leben und seine Wurzeln. Natürlich kokettiert Hynes. «Freetown Sound» sprengt den autobiografischen Rahmen bei weitem – wie immer, wenn persönliche Befindlichkeiten in eine Popmusik überführt werden, die weit über sich hinausweist und überlebensgross konzipiert ist.

Aber es ist schon so: Vielleicht zum ersten Mal in seiner Karriere ist auf «Freetown Sound» – benannt nach der Hauptstadt von Sierra Leone, dem Geburtsort seines Vaters – der Mensch hinter dem popkulturellen Multitasker Hynes greifbar. Das war nicht der Fall bei seiner Splatterpunkband Test Icicles, nach deren Ende sich der Engländer in die USA absetzte. Und Hynes’ Persönlichkeit blieb auch ganz verborgen, als er in Omaha, Nebraska, strandete und sich dort in seiner Rolle als Lightspeed Champion dem klassischen Song hingab. Eine Heimat fand der heute Dreissigjährige erst in New York City, wo er neben dem Wirken in eigener Sache auch als Songwriter und Produzent für Musikerinnen wie Solange Knowles, Florence and the Machine oder Sky Ferreira arbeitet. Hier entdeckte er Orte wie den mittlerweile verschwundenen Latino-Gay-Club Escuelita und Zeitdokumente wie Jennie Livingstons Dokumentarfilm «Paris Is Burning» (1990) über die verschüttete Ballroom- und Discokultur der achtziger Jahre. Hynes, der in seiner Jugend tyrannisiert und als «Schwuchtel» beschimpft worden war, fand in diesen Ruinen der gelebten Queerness ein Zuhause für seine Kunst, ohne das sein Alias Blood Orange nicht denkbar wäre.

«Freetown Sound», sein drittes Blood-Orange-Album, ist ein Album der Stimmen aus dieser Vergangenheit, die in Form von Samples Aspekte der Queer- und Blackness verhandeln und immer dann erklingen, wenn die Songs abbrechen. Hynes öffnet einen weiten Echoraum, in dem Persönlichkeiten wie Venus Xtravaganza aus «Paris Is Burning», der Regisseur und LGBT-Aktivist Marlon Riggs, der in den frühen neunziger Jahren an Aids starb, oder Rapcombos wie De La Soul Nachhall finden. Vergrössert wird dieser Klangraum durch den Nachbau der Disco- und pionierhaften Hip-Hop-Sounds in Songs wie «E. V. P», in dem mit Debbie Harry eine Ikone jener Zeit mitsingt. In anderen Songs führt Hynes Künstlerinnen wie die Cellistin und Sängerin Kelsey Lu ein, singt Duette mit Nelly Furtado und der gerade sehr angesagten R-’n’-B-Sängerin Empress Of. Gleich zu Beginn des Albums sampelt er das Gedicht «For Colored Girls» der jungen Poetin Ashlee Haze, in dem sie beschreibt, wie sie dank Missy Elliott ihr Dasein als schwarze Frau akzeptieren lernte.

All diese Stimmen, Zitate und Motive, die ineinanderfliessen und wiederkehren, verleihen «Freetown Sound» einen Mixtape-artigen Charakter, der aber nie in ein ungefähres oder unverbindliches Schnipselspiel abdriftet. Vielmehr unterstützen sie Hynes, geben dem verletzlichen und verletzten Musiker fern jeder Rührseligkeit Halt und dem Album einen tröstlichen, umarmenden Ton. Wird doch alles gut? Nein, natürlich nicht. «Freetown Sound» folgt hier Ta-Nehisi Coates, dessen Stimme ebenfalls zu hören ist. Denn die Verletzungen aus der Vergangenheit und die Bedrohungen der Gegenwart schwingen immer mit. «Weiss deine Mutter eigentlich, dass du weinst?», singt Hynes im letzten, tieftraurigen Track. Dann dreht einer am Regler, findet einen Beat, eine weit entfernte Stimme, ehe die Tonspur abrupt endet. Der Rest: Tränen.

blood-orange-free-town-album-cover-artwork Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Blood Orange: «Freetown Sound» (Domino/Irascible)

Dieser Artikel erschein in der WOZ vom 18. August 2016.

Jeden Sonntag: Der Popletter «Listen Up!» mit Platten-, Konzert- und Lesetipps. Hier gehts zum Abo.

|

Zurück zum Blog

comments powered by Disqus