33 Jahresplatten Vol. 2

IMG 1141 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Weiter, immer weiter: die zweiten Jahresplatten, mit Reisen durch den Äther, durch Basswelten, durch Detroit und durch heilige Sphären.

Vince Staples: «Big Fish Theory»

«PLEASE EXPERIENCE BIG FISH THEORY IN THE APPROPRIATE SETTING BECAUSE I DO INDEED SERVE THE BASS», twitterte Vince Staples kurz vor dem Release des Nachfolgers von «Summertime '06». Und in der Tat ist es so, dass «Big Fish Theory» gestreamt nun wirklich nichts bringt: Man hört zwar, wie hier einer in 36 Minuten ein wahnsinnig dichtes Album produziert hat. Eines, auf dem Staples verwirrenderweise nach England und der dortigen Bassculture schielt. Und was machen eigentlich PC Musics Sophie oder Amy Winehouse auf diesem Album? Doch wenn man es sich dann auf CD und einem leicht grösseren Soundsystem gibt, dann ergibt das eben dann schon Sinn. Und zum Schluss, wenn der Regen niederfällt, da bleibe zumindest ich berührt und auch erschüttert zurück.

Bildschirmfoto-2017-12-04-um-14.22.14 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Protomartyr: «Relatives in Descent»

Und dann gleich weiter zu diesem Monster von einer Platte, das einen nie loslässt. Das beginnt mit «A Private Understanding», einer Geschichte, in der Joe Casey über Elvis und über die Flint-Trinkwasserkatastrophe erzählt, während die Band einen Sturm aufziehen lässt. Und wenn man nicht bei diesem Song hängen bleibt (so wie ich zunächst), hört, wie alles losbricht, wie vieles trostlos und «bleak» erscheint, wie bewegende Melodien in «The Chuckler» aufscheinen oder Casey in «Night-Blooming Cereus» durch die nächtlichen Ruinen der Heimatstadt reist und eine blühende Blume findet. Ein Album, das die Wut und die Melancholie in sich trägt, und alles aufrüttelt.

a1874843766 10 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Avey Tare: «Eucalyptus»

Die Soloalben von Dave Portner aka Avey Tare waren bislang immer eine leicht unterwältigende Angelegenheit, weshalb er zunehmend in den Schatten seines Bandfreundes Panda Bear geraten ist. «Eucalyptus» nun ist aber die fantastische Platte, die ich mir schon längere Zeit gewünscht habe. Portner setzt hier auf Stimmungen, gespielt mit akustischen Gitarren,offen angeschlagen, fein gezupft auch, angereichert mit Soundmanipulationen, die dem Album eine traumhafte Geisteraura verleihen. Da und wann entstehen lockere Popsongs, doch wo genau die Grenzen zwischen den Tracks liegen, ist eigentlich egal. So wie auch die Grenzen zwischen Nacht und Morgen hier nicht genau gezogen sind. Ein Album, das den Overkill der letzten Animal-Collective-Platten verabschiedet, und sich ans Lagerfeuer von einst besinnt: Ohne Nostalgie, weil die Dämonen, die sind auf diesem, das sein kalifornisches Album sein soll, nah.

Avey-Tare-Eucalyptus-Art Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Zayk: «Durch den Äther»

Von Kalifornien ist es dann nicht mehr weit auf den Highway, der durch eine flirrende Wüste führt. Würde ich eine solche Reise unternehmen, dann würde ich «Durch den Äther» von Zayk als Soundtrack miteinpacken. Denn die Band spielt hier «immer weiter in der Schlaufe», offen, nie stur und doch konzentriert, bis zum Sonnenuntergang.

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Open Mike Eagle: «Brick Body Kids Still Daydream»

Ein Jahr nach seinem letzten Album «Hella Personal Film Festival» besucht Open Mike Eagle die Robert Taylor Homes in Chicago wieder, eine Siedlung, die vor zehn Jahren zerstört wurde. Entstanden ist eine Platte, auf der der Rapper seine «dark comedy» meistens vergisst, weil die Fragen, die Mike Eagle hier stellt, gehen so: «They blew up my auntie’s building / Put out her great-grandchildren / Who else in America deserves to have that feeling? / Where else in America will they blow up your village?» Und dann finden sich auch Songs wie «95 Radios», in der sich der Protagonist und Has-Lo auf die Suche nach Radiogeräten machen, ehe am Schluss alles zerstört wird. Weil: «Thats the sound of them tearing my body down».

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King Krule: «The Ooz»

Hier kommt der Nachtbube: Archy Marshall strolcht auf «The Ooz» durch seine Heimat Südlondon oder eine andere Stadt der Welt. Der einzige Gefährte ist der Mond, der ihn bereits auf seinem regulären Debütalbum als King Krule namens «6 Feet Beneath the Moon» beschienen hat. Durch die Tonspur, die einem Soundtrack der Nacht entspricht, wehen Jazzfetzen, die aus einer Kellerbar stammen könnten. Zuweilen materialisiert sich ein Punksong, und neue, noch unbekannte Drogen sind im Spiel, viel Nikotin und Alkohol und eine gehörige Portion Angst auch. Das kann auch einschläfernd wirken, doch so viel greifbare «loneliness» – die nur ungenau mit Einsamkeit zu übersetzen ist – ist in der aktuellen Popmusik selten zu hören.

the-ooz king-krule Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Big Thief: «Capacity»

Lange habe ich sie überhört, die Songs von Adrianne Lenker und ihrer Band. Dann wurde es Spätherbst bzw. Winter, und Big Thief spielten Konzerte – eines davon im Bad Bonn (doch davon später). Seither drehen diese Songs ihre Runden, die so grossartig gespielt und gesungen und geschrieben sind, dass sie noch sehr lange weiterleben werden.

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Jens Lekman: «Life Will See You Soon»

Ja, zunächst waren mir diese nach einer Schaffenskrise entstandenen Lieder des Schweden fast zu supersüss, danach aber mindestens bittersüss und zu meiner Überraschung sehr oft und freudig gehört. Wie haben wir uns eigentlich getroffen, damals? Und was ist das eigentlich für ein Parfüm, das zum Tanz anstiftet? Kurz, ein Hit.

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Juana Molina: «Halo»

Wann immer Juana Molina neue Musik veröffentlicht (und das ist ja nicht allzu oft), muss hingehört werden. So auch dieses Mal. Denn «Halo» ist ein beinahe minimalistisches und hypnotisch wirkendes Album, das neue Räume und Möglichkeiten öffnet. Wie sie das nur macht?

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Kamasi Washington: «Harmony of Difference»

Wer braucht «The Epic» (abgesehen von «Henrietta Our Hero»), wenn es alles auch konzentriert und doch durchs Band weg essentiell auf «Harmony of Difference» gibt? Was für eine halbe Stunde.

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Alice Coltrane: «The Ecstatic Music of Alice Coltrane Turiyasangitananda»

Ist diese Platte nur ein Spleen, die man nur mit ironischer Distanz hören kann? Nein, wirklich nicht, denn zu hören ist eine Musik, die so viel mehr als bloss repetitive Krishna-Anbetungschants umfasst. Zu erleben ist in diesen Aufnahmen nämlich eine fantastische Musikerin, die ganz bei sich und ihrer Gemeinde ist und doch ihre Abenteuerlust nie verbirgt. Man hört berührende Soul- und Gospelgesänge und zum ersten Mal überhaupt die Stimme von Coltrane selbst, die alles Weltliche abgeschüttelt hat. Und dieses Keyboard! Ein heiliger Gral, dieses Fundstück.

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Letzte Jahresplatten gibts am Freitag. Bis dahin: Die ersten Jahresplatten sowie der Hinweis auf das Popletter-Abo das mit immer neuer Musik versorgt.

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